Vor 150 Jahren hat Alfred Hermann Fried die ersten Grundlagen für Friedensjournalismus geschaffen und dafür als Pionier auch den Friedensnobelpreis erhalten. Der KRANICH, die Zeitung des Friedensbüros Salzburg, hat mich in einem interview zur Bedeutung in der Gegenwart befragt.
Kranich: Welche Herausforderungen siehst du für den Journalismus angesichts der aktuellen Kriege?
Martin Wassermair: Zunächst muss der Journalismus zur Kenntnis nehmen, dass Kriege sich verändert haben. Einer der Höhepunkte der Mediatisierung war der Vietnamkrieg, wo man erkannt hat, wie bedeutsam die medialen Bilder des Krieges sind. Damals hat sich auch bereits die Frage gestellt, wie weit man diese Bilder unter Kontrolle bringen kann.
Es gibt diesen Mythos, dass der Vietnamkrieg in den Wohnzimmern der Vereinigten Staaten entschieden worden sei, weil die Menschen im Fernsehen diese schrecklichen Bilder des Tötens gesehen haben. Sie sahen auch, wie die US-Soldaten in Leichensäcken nach Hause gebracht wurden. Das waren alles sehr einprägsame Bilder, die wir so in dieser Unmittelbarkeit aus früheren Kriegen nicht kannten. Heute ist es ja so, dass wir durch die Digitalisierung kaum mehr in der Lage sind zu verifizieren, woher diese Bilder kommen, wo sie entstanden sind, wer sie gemacht hat, mit welcher Intention sie gemacht wurden. Wir haben sehr früh gesehen, dass gerade auch in der kriegerischen Auseinandersetzung gegen die Ukraine viele Soldaten ihre kleinen Kameras auf dem Helm trugen und einfach aus dem Stellungsgraben heraus filmten. Dieses Bildmaterial hat ein gigantisches Ausmaß erreicht, das als Footage weitgehend unreflektiert auch von großen Medienanstalten übernommen wurde. Gleichzeitig wurde viel zu wenig über die eigentliche Funktion des Journalismus diskutiert.
Kranich: Bleiben wir gleich dabei. Welche Funktion soll der Journalismus bei kriegerischen Konflikten erfüllen?
Martin Wassermair: Natürlich ist es so, dass auch die Kriegsberichterstattung aus der Verpflichtung geboren ist, die Öffentlichkeit zu informieren, was da so vor sich geht. In meinen Interviews für DORFTV hat die ehemalige Kriegsberichterstatterin Petra Ramsauer gesagt, dass man den Menschen, die vom Krieg betroffen sind, nichts Schlimmeres antun kann, als nicht über sie zu berichten.
Dann stellt sich die Frage, wie journalistische Qualität sichergestellt werden kann. Da gibt es Anhaltspunkte aus jahrzehntelanger Forschung zu Friedensjournalismus mit Unmengen an Literatur. Dennoch ist erstaunlich, dass dieser Friedensjournalismus kaum Anwendung findet. Medien sind heute sehr oft Teil der Konflikte. Wir wissen, wie Propaganda und Manipulation heute maßgeblich bestimmen, welche Bilder wir von Kriegen tatsächlich wahrnehmen. Und da ist es dann umso notwendiger, darauf zu achten, dass eine Vielfalt an Perspektiven gewährleistet wird. Es ist zentral, dass wir jenen Menschen, die unmittelbar betroffen sind von kriegerischen Konflikten, Gehör verschaffen – natürlich immer auch verbunden mit einer entsprechenden redaktionellen Einordnung. Dazu braucht es erfahrene Leute, die sehr gute Kenntnisse über die Kriegsregion haben, die Zugang haben zur lokalen Bevölkerung, die tatsächlich in der Lage sind, multiperspektivisch an die Problematik heranzugehen. Die gibt es deshalb immer weniger, weil die Redaktionen angesichts der Medienkrise ihre Ausgaben kürzen. Das hat mitunter verheerende Folgen, weil dann eben dieses Bildmaterial aus Social Media herangezogen wird, um irgend- welche Analysen damit zu bebildern. Dann – und das halte ich für besonders bedenklich – haben wir in Österreich eine starke Militarisierung der Berichterstattung. Es ist unerträglich, wie auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk unentwegt Bundesheeroffiziere ins Studio einlädt und diese uns den Krieg erklären. Und dann gibt es mit Christian Wehrschütz einen ORF-Korrespondenten, dem richtig die Augen aufgehen, wenn er über die neuesten Rüstungstechnologien sprechen darf.
Da werden schon entscheidende Paradigmen verschoben, ja fast schon eine Faszination des Krieges aufgebaut. Das Leid der Menschen bleibt dabei zumeist völlig auf der Strecke. Genau da müsste der Journalismus ansetzen. Allerdings habe ich wenig Hoffnung, dass sich etwas ändert.
Kranich: Die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer sagt in deinem Buch: „Man kann nicht nicht framen.“ Wo verläuft für dich die Grenze zwischen verantwortungsvoller Berichterstattung und beabsichtigter oder unbeabsichtigter Propaganda?
Martin Wassermair: Es gibt ja sowas wie journalistische Ethik, die sich auch auf das journalistische Arbeiten bezieht. Das digitale Zeitalter hat seine eigenen Regeln – da müssen Informationen am besten in Echtzeit raus. Damit öffnet sich das Scheunentor für Propaganda. Da sind unglaublich viele PR-Agenturen mit im Spiel, um eine Informationshegemonie für ihre Kunden herzustellen.
Journalist*innen sollten häufiger ein bisschen innehalten, durchatmen und neue Informationen im Kolleg*innenkreis diskutieren. Wir können diese problematischen Framings nur durchbrechen, wenn wir eben nicht irgendwelchen PR- Agenturen auf den Leim gehen, sondern die Mechanismen entlarven. Ich glaube, dass bei den Menschen ein großes Bedürfnis besteht, sich durchaus wieder mit längeren Analysen und Hintergrundinformationen zu beschäftigen.
Kranich: Sowohl Alfred Hermann Fried als auch Johan Galtung sind für einen Friedensjournalismus eingetreten, der gegen den Krieg Stellung bezieht. In deinem Buch sieht Daniela Ingruber darin eine Gefahr, weil der Journalismus seine Objektivität und Neutralität aufgeben würde. Was ist deine Meinung?
Martin Wassermair: Alfred Hermann Fried hat seinen Friedensjournalismus in einer Zeit formuliert, als die Welt angesichts eines erschreckenden Säbelrasselns am Abgrund stand. Bei Galtung spüre ich den Geist der 1968er-Jahre, eine Auflehnung gegen den Mainstream und gegen postnationalsozialistische Geistesreste in unserem Europa. Wobei ich schon festhalten möchte, dass man weder Fried noch Galtung eine Fehleinschätzung vorwerfen darf. Sie haben das damals in ihren Kontexten so eingeordnet.
Heute stellt sich vieles ganz anders dar. Wir wissen, dass etliche Gewalt- und Terrorregime mit einer unglaublichen Dimension von Verbrechen an der Menschheit nicht ohne militärische Intervention hätten beseitigt werden können. Gleichzeitig sind wir mit einer Komplexität konfrontiert – mehr als uns eigentlich lieb ist. Die Instrumentarien von Kommunikation und Information sind heute mehr denn je Teil der Kriegsführung.
Daran knüpft sich aber auch meine Hoffnung: Medien können eigentlich auch der Schlüssel für Friedenslösungen sein. Sei es in Verständigungsprozessen, sei es in Verhandlungsprozessen, sei es in Prozessen der Versöhnung oder auch des gegenseitigen Aufbaus von neuem Vertrauen.
Kranich: „Meine zentrale Botschaft ist, dass man sich von dem Gedanken lösen soll, durch Journalismus die Welt zu verändern“, meint die ehemalige Kriegsberichterstatterin Petra Ramsauer in deinem Buch. Wie ordnest Du diese Aussage ein?
Martin Wassermair: Ich glaube, dass der Journalismus jene Macht und jenen Einfluss hat, den er sich nimmt – und damit beginnt schon die Debatte. Bei Reporter ohne Grenzen hat jetzt schon seit geraumer Zeit das Thema der inneren Pressefreiheit größte Priorität. Die eine Frage ist: Inwieweit können Journalist*innen in ihren eigenen Redaktionssystemen und angesichts der Eigentumsverhältnisse überhaupt noch das sagen oder schreiben, was sie wollen? Und die andere Frage ist: Sind Journalist*innen resilient genug, um dem enormen Gegenwind standzuhalten, der ihnen entgegenbläst?
Unabhängiger Journalismus, der seine Kontrollfunktion ausübt und den Mächtigen auf die Finger schaut, braucht den Rückhalt in der Gesellschaft. In Österreich haben wir die etatistische Tradition, dass der Journalismus für sein Überleben die staatliche Förderung braucht. Es ist schon okay, dass der Staat regulierend eingreift, aber als einzige Lösung ist es zu wenig. Mir mangelt es in der Debatte an Fantasie und Kreativität, wie wir für einen unabhängigen Journalismus die ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen schaffen können. Wenn das gelänge, wären Journalist*innen auch ganz anders in der Lage, an so schwierige Themen wie militärische Konflikte und Krisen heranzugehen.
Martin Wassermair ist Historiker, Politikwissenschaftler und Publizist. Seit 2025 ist er Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich. In seinem Sammelband „Unter weißer Flagge“ finden sich elf Gespräche mit Persönlichkeiten aus Medien, Politik, Pädagogik sowie der Friedens- und Konfliktforschung. Die Gespräche führte Martin Wassermair im Rahmen des gleichnamigen Programmschwerpunkts auf DORFTV.
Das Gespräch führte Martin Sturmer.
