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It's (about) politics!

Wie sich europäische Kulturzentren zwischen Macht und Ohnmacht auf die richtige Seite schlagen

Von Martin Wassermair. Erschienen in: WUK-Programmfolder Mai 2016

Auch Kulturzentren sp√ľren den hei√üen Atem des Verwertungsdrucks, m√ľssen sich behaupten in Kosten-Nutzen-Rechnungen und geraten dabei auch nicht selten zwischen die M√ľhlsteine von politischem Argwohn und schikan√∂ser B√ľrokratie. Die Tyrannei der vermeintlichen Alternativlosigkeit schl√§gt wie wild um sich, dr√§ngt in finanztechnokratische Sachzw√§nge und verherrlicht den Konsens im Kapitalismus – bei l√§ngst un√ľbersehbaren Konflikten, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einem gr√∂√üer werdenden Ausma√ü gef√§hrden.
Foto: Florian Wieser Foto: Florian Wieser

"Jetzt kehren wir zur gro√üen Ungleichheit zur√ľck. Und √∂konomische Ungleichheit bedeutet auch politische Ungleichheit, weil man √∂konomische Macht braucht, um Politik zu kaufen, und politische Macht, um √∂konomische Vorteile zu erlangen. Das ist eine Spirale."

(Colin Crouch im Standard-Interview, 2. April 2016)

Als Platon der Nachwelt seine √úberlegungen zur Verwirklichung des idealen Staates hinterlie√ü, galt die Aufmerksamkeit auch der Rolle der Kunstschaffenden. Diese, so zeigte sich der griechische Philosoph √ľberzeugt, w√ľrden allzu oft Abbilder nachahmen, die Dinge also nicht kennen, wie sie wirklich sind, sondern nur, wie sie aussehen. Der antike Vordenker einer politischen Philosophie, der so manchen Dichter und Maler auch gerne in der symbolischen Verbannung sehen wollte, stellte sich entschlossen gegen eine Verbr√ľderung mit der Sinnlichkeit. Im Kontext seiner Zeit forderte Platon von der Kunst deshalb mit allem Nachdruck, Wahrheit zu vermitteln und zur sittlichen Verbesserung beizutragen – in einem staatlichen Gemeinwesen, das auf dem Guten und Gerechten fu√üt.

Um Gerechtigkeit und das gute Leben geht es auch in der Gegenwart. Wobei die Hoffnung zunehmend schwindet. Tag f√ľr Tag sind wir weltweit mit Nachrichten und Informationen konfrontiert, die bei uns √Ąrger, Verzweiflung und Emp√∂rung ausl√∂sen. Kriege, Klimawandel, Umweltzerst√∂rung, Rassismus und ein profitgieriger Raubzug gegen Demokratie und soziale Wohlfahrtssysteme schreiten unaufh√∂rlich voran. W√§hrend etwa auch in Europa die Armut rasant anw√§chst, k√∂nnen sich Konzerne, Banken und Pers√∂nlichkeiten des √∂ffentlichen Lebens auf intransparenten Finanzm√§rkten weiterhin ungest√∂rt bereichern.

Das gro√üe Unbehagen f√ľhrt allerdings immer √∂fter auch zu Lethargie und Teilnahmslosigkeit. Hier tritt eine Ohnmacht gegen√ľber den scheinbar M√§chtigen zutage, die den Sorgen und N√∂te der Menschen insbesondere in Zeiten der √∂konomischen Krisen kaum noch Beachtung schenken – ja deren Verelendung mitunter sogar regelrecht in Kauf nehmen. Die unheilvolle Entwicklung spiegelt sich dieser Tage auch in mancher Schlagzeile wider: "Apathisch, ratlos, blutleer" – so oder so √§hnlich lauten immer h√§ufiger die ern√ľchternden Bestandsaufnahmen, wenn es darum geht, eine Politik zu beschreiben, die auf die gro√üen Herausforderungen unserer Zeit Antworten und L√∂sungen entwickeln sollte. Zwischen Macht und Ohnmacht politische Geltung zu finden, r√ľckt damit st√§rker in den Blickpunkt zivilgesellschaftlicher Projekte, Organisationen und Institutionen – und ganz besonders auch in den Reihen von Kunst, Medien und Kultur.

Kulturzentren wie das Wiener WUK verf√ľgen mit Infrastruktur, Personalressourcen und Kommunikationskan√§len √ľber vielversprechende Voraussetzungen, um neben Sichtbarkeit vor allem auch gesellschaftliche Relevanz zu erlangen. Doch ein gro√üer Backsteinbau ist noch kein politisches Programm. Und wie schon Jahrtausende zuvor Platon hat sich auch der franz√∂sische Philosoph Alain Badiou hinl√§nglich den Kopf zerbrochen, wie denn demokratische Vernunft am besten in einer staatlichen Ordnung abzubilden sei. Er sieht bedeutsame M√∂glichkeiten in der Konfrontation mit globaler Ausbeutung und Neoliberalismus im Experimentieren auf dem sozialen und kollektiven Feld. Denn Selbstreflektion, Selbstkritik, ein Bewusstsein der eigenen Handlungsposition und die Schaffung eines potenziell affirmativen Raums seien bereits erste wirkm√§chtige Schritte, um den politischen Kampf aufzunehmen.

Irgendwie klingt das alles ganz einfach – ist es aber nicht. Obendrein sind die Realit√§ten, mit denen sich auch Kulturzentren herumzuschlagen haben, oftmals unerbittlich. Auch sie sp√ľren den hei√üen Atem des Verwertungsdrucks, m√ľssen sich behaupten in Kosten-Nutzen-Rechnungen und geraten dabei auch nicht selten zwischen die M√ľhlsteine von politischem Argwohn und schikan√∂ser B√ľrokratie. Die Tyrannei der vermeintlichen Alternativlosigkeit schl√§gt wie wild um sich, dr√§ngt in finanztechnokratische Sachzw√§nge und verherrlicht den Konsens im Kapitalismus – bei l√§ngst un√ľbersehbaren Konflikten, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einem gr√∂√üer werdenden Ausma√ü gef√§hrden.

Bei einem Netzwerktreffen von Trans Europe Halles (TEH) vom 5. bis 8. Mai im WUK stellen sich rund 250 Kulturarbeiterinnen und Kulturarbeiter aus ganz Europa der Frage, was es f√ľr Kulturzentren bedeutet, politisch zu sein. Unter dem Titel "It's (about) politics. Performing the emancipatory potential of cultural practice" werden Aspekte von Politisierung, Allianzenbildungen oder der M√∂glichkeiten politischer Aktionen verhandelt. Das internationale Meeting wird die Welt nicht gleich zum radikal Besseren wandeln, sehr wohl aber kann es an diesen Tagen ein klares Zeichen setzen, das sich von der allgemeinen Ohnmacht abwendet und zum Ausdruck bringt, dass Kunst und Kultur nicht hilflos in das globale Klagelied √ľber den Bedeutungsverlust von Politik einstimmen. It's politics! It's about politics! Die Aneignung politischen Handelns geht mit der Selbsterm√§chtigung einher, die den Konflikt f√ľhrt, in Widerspruch tritt und damit das unaufhebbare Wesen von Demokratie manifestiert. Hier liegen schlie√ülich die Wurzeln unabh√§ngiger Kultureinrichtungen, die nun wieder zu den richtigen Fragestellungen finden m√ľssen: Wie √ľbersetzen wir Emp√∂rung in politische Aktion? Wie schaffen wir Raum f√ľr Utopien, ohne die Ver√§nderung gar nicht denkbar ist? Wodurch √ľberzeugt unsere kulturelle Praxis, die eine gerechtere Welt glaubhaft antizipiert?

Ungleichheit, Entrechtung und neoliberale Finanzherrschaft sind keineswegs in ewigen Stein gemeißelt. Kunst schöpft ihr emanzipatorisches Potential aus der bedingungslosen Freiheit. Nur so ist sie laut und verstörend, erprobt den Ungehorsam und verweigert den Opfergang. Und nicht zu vergessen: Das WUK ist Politik. TEH ist Politik. Kunst und Kultur sind Politik. Da tritt plötzlich auch Platon wieder in Erscheinung. Sein idealer Staat verlangt nach dem Eingriff in die Wirklichkeit Рund nicht bloß nach einem Abbild der Dinge, wie sie vor unseren Augen in Erscheinung treten.

Englische Version

 

It's (about) politics.

Performing the emancipatory potential of cultural practice

TEH Meeting 81, 5. – 8. Mai 2016, WUK

itsaboutpolitics.wuk.at