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Der Kampf um die Bilder im Gedankenjahr 2005

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse 0105, Februar 2005

Den demokratischen Grundlagen der Republik droht großer Schaden. Dass dies dem öffentlichen Interesse zuwider läuft, wird nicht vom ORF zu erfahren sein. Es wird daher bei der Entwicklung von Gegenstrategien an zentraler Stelle daran zu denken sein, sich der Produktion von Bildern selber anzunehmen.

Hannes Androsch, ehemals Finanzminister und Hoffnungstr√§ger der Sozialdemokratie, machte bereits 2004 auf den Mattscheiben und im Bl√§tterwald lautstark darauf aufmerksam. Zu Beginn des darauf folgenden Jahres sollte sein vor Pathos triefender Appell vor allem den Wankelm√ľtigen noch einmal ordentlich ins Stammbuch geschrieben sein: Wer patriotisch gesinnt ist, m√ľsse die schwarz-blaue Bundesregierung unter Kanzler Wolfgang Sch√ľssel bei ihren Bem√ľhungen zum Staatsvertragsjubil√§um unterst√ľtzen. Die Unterzeichnung des Dokuments am 15. Mai 1955, so der nunmehrige Gro√üunternehmer, markiere schlie√ülich das Ende des "Tausendj√§hrigen Reiches". Schon kurz darauf schrieb Peter Michael Lingens, Androsch sei "ein begnadeter Politiker". Was immer er von sich gebe, sei "intelligent, durchdacht und anst√§ndig" (profil, 21. Februar 2005). Abschlie√üend schickte der Feuilletonist auch gleich eine Empfehlung hinten nach. Alles in allem sei Androsch der zur Zeit beste SP-Spitzenkandidat, dem knorrigen Alfred Gusenbauer auf der ganzen Linie √ľberlegen .

Nun ist hier nicht von Interesse, ob Hannes Androsch Bundeskanzler werden will. Er verf√ľgt bereits jetzt √ľber gen√ľgend Einfluss. Offenbar hat sich - und das ist ungleich bemerkenswerter - noch nicht bis zu ihm herumgesprochen, dass die Befreiung vom m√∂rderischen NS-Regime mit dem Datum 1945 festzulegen ist. Diese Z√§sur sollte auch als Abrechnung mit der Mitverantwortung vieler √Ėsterreicher und √Ėsterreicherinnen an den Nazi-Verbrechen l√§ngst zu einem konstitutiven Kennzeichen der neuen Republik geworden sein. Vielleicht ist Hannes Androsch mittlerweile einfach zu senil, dieses historische Faktum richtig einzuordnen. Sollte dem so sein, dann muss er schleunigst in Quarant√§ne. Als ein in der √Ėffentlichkeit st√§ndig omnipr√§senter Polit-Clown ist er jedenfalls ernst zu nehmen, denn solche Figuren erlangen auch in √Ėsterreich ihre Wirkung √ľber ein System der medialen Inszenierung - und in dessen Zentrum steht allen voran der ORF.

Bereits zum Auftakt der Regierungspropaganda war der ORF nicht an der Position der unabh√§ngigen und kritischen Au√üenbetrachtung anzutreffen, sondern in einer Hauptrolle auf der B√ľhne. Wie in einem Gottesdienst stand Bundeskanzler Sch√ľssel am 8. November 2004 im Wiener Arsenal vor dem Signet seiner historischen Mission. Das von unten auf ihn gerichtete Scheinwerferlicht verlieh ihm Gr√∂√üe und eine zugleich ehrf√ľrchtige Haltung vor dem - wie es neuerdings hei√üen sollte - "Gedankenjahr". Kein √úbel blieb dabei ausgespart. "Who are we? -Wer sind wir?" Schon in der Er√∂ffnungsrede sollte der Verweis auf Samuel Huntingtons neuestes Buch ins Bewusstsein rufen, dass die rechtskonservative Homeland-Policy der USA auch hier zu Lande als Vorbild herangezogen wird. "Huntington", so f√ľhrte der Bundeskanzler aus, "sucht nach der Identit√§t", nach dem "Gemeinsamen, nach dem f√ľr eine Nation unverzichtbaren Zusammenhalt angesichts immer neuer Herausforderungen." Diese "Frage nach der Identit√§t" stelle sich "immer st√§rker und immer dr√§ngender". In dieser Not steht ihm jedenfalls der ORF zur Seite. Als w√§re sie die Rundfunkministerin des Kabinetts Sch√ľssel II, pr√§sentierte sich Generaldirektorin Monika Lindner mit dem Bundeskanzler und seinem Staatssekret√§r f√ľr Kunst und Medien. Minutenlanges Blitzlichtgewitter, fr√∂hliche Gesichter, die Verschmelzung von ORF und Regierungsmacht ist seither endg√ľltig perfekt.

In der Folge waren kaum Proteste auszumachen - und dies obwohl sich anhand solcher Beispiele der Eindruck zunehmend verdichtet, das √∂ffentlich-rechtliche Medienunternehmen sei inzwischen selbst so eifrig bei der Sache, dass es sich der Regierung gar nicht penetrant genug aufzudr√§ngen wei√ü. Es ist daher noch Schlimmeres zu bef√ľrchten. Selbst Barbara Coudenhove-Kalergi konstatierte in einem Kommentar f√ľr das √Ėsterreich-Jahr 2005 "den sp√§ten Nachhall" eines bewusst gef√ľhrten Kulturkampfes, der viel eher an vergangene Zeiten als an voraus schauende Entw√ľrfe f√ľr eine demokratische Gesellschaft erinnere. Bei den vorliegenden Pl√§nen st√ľnde einzig im Vordergrund, "welches Bild von √Ėsterreich, seiner Geschichte, seiner Kultur, seiner Identit√§t, sich allgemein durchsetzt." Die gemeinhin als liberal-b√ľrgerlich eingestufte Publizistin zeigt sich √ľberzeugt: "Dieses Bild ist ziemlich klar umrissen: Berge, Musik, Skifahren, Kaiserin Sisi und Hermann Maier, Mozart und Figl, Fremdenverkehr und Bio-Lebensmittel. Es ist ein Bild, an dem der ORF, die 'Kronen Zeitung' und die √ĖVP gemeinsam gemalt haben. Dieses Bild kennt mittlerweile jeder, kaum einer zweifelt daran: So, wie wir √Ėsterreich t√§glich serviert bekommen, so ist es." (Die Presse, 29. J√§nner 2005)

Mit dem urspr√ľnglichen Anspruch des ORF hat das rein gar nichts mehr zu tun. Wer erinnert sich √ľberhaupt daran, was f√ľr diesen eigentlich festgeschrieben ist? Der im Rundfunkgesetz definierte Programm- und Bildungsauftrag sieht vor, dass die "Allgemeinheit √ľber alle wichtigen politischen, sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und sportlichen Fragen" zu informieren ist. Von zentraler Bedeutung sind dabei die "F√∂rderung des Verst√§ndnisses f√ľr alle Fragen des demokratischen Zusammenlebens" sowie die "Vermittlung eines vielf√§ltigen kulturellen Angebots". Das √∂ffentlich-rechtliche Fernsehen hat sich insbesondere an dem Gebot einer "objektiven Auswahl und Vermittlung von Informationen in Form von Nachrichten und Reportagen" zu orientieren. Die "Wiedergabe und Vermittlung von f√ľr die Allgemeinheit wesentlichen Kommentaren, Standpunkten und kritischen Stellungnahmen unter angemessener Ber√ľcksichtigung der Vielfalt der im √∂ffentlichen Leben vertretenen Meinungen" sollte f√ľr den ORF mehr als eine hohle Phrase sein. Zu merken ist davon jedoch nichts. Kritische Stimmen werden immer h√§ufiger ausgeblendet, der Anteil von in √Ėsterreich lebenden Migrantinnen und Migranten findet im Gesamtprogramm √ľberhaupt keine Entsprechung.

"Was wir durch unsere Schulen und den √∂ffentlichen Diskurs vermitteln, ist nicht die ganze komplizierte Wahrheit √ľber unsere Vergangenheit, sondern ein eindimensionales M√§rchen." Dieser Satz stammt nicht aus Wolfgang Sch√ľssels Er√∂ffnungsrede am Ausgangspunkt der Regierungsfeierlichkeiten. Er entspringt auch nicht der Mottenkiste Hugo Portischs. Der popul√§re Geschichtenerz√§hler berichtet im ORF lieber zur Prime Time von den Mythen der "Stunde Null", schimpft √ľber kommunistische Revolten und schw√§rmt vom unvergleichlichen Willen des Volkes in Stadt und Land zum Wiederaufbau unseres allseits beliebten √Ėsterreichs. Nein, das Zitat ist dem Druckwerk "Im Schatten des Sternenbanners" zu entnehmen, dessen Autor Mark Heertsgaard die Macht der tagt√§glich erzeugten Bilder problematisiert. Eine seiner wichtigsten Schlussfolgerungen: "Wie anders k√∂nnte die Welt aussehen, wenn das amerikanische Volk von all den Dingen w√ľsste, die seine Medien ihm vorenthalten!"

W√§hrend offenbar Bundeskanzler Sch√ľssel mit Samuel Huntington unter dem Kopfpolster von einer rot-wei√ü-roten Zukunft tr√§umt, scheint ORF-Generalin Lindner bereits mit Rupert Murdoch aufgewacht zu sein. Der erzkonservative Medienmogul arbeitet in den Vereinigten Staaten zielstrebig an der Einengung der Informationskan√§le und ergreift mit Fox News, dem Marktf√ľhrer im US-Nachrichtengesch√§ft, ganz offen f√ľr die Regierung unter George W. Bush Partei. Vorl√§ufiger H√∂hepunkt war sicherlich die v√∂llig unausgewogene Berichterstattung zu Beginn des Irak-Kriegs 2003. Kritische Stimmen wurden immer wieder des Vaterlandsverrats bezichtigt, Andersdenkende mitunter als Weicheier beschimpft und aus dem Studio gejagt.

Noch ist es in √Ėsterreich nicht ganz so weit. Doch so wie in den USA, wo sich immer mehr Menschen nach einer alternativen Sicht der politischen Realit√§ten sehnen, stellt sich auch hier die Frage, wie der Medienindustrie und ihrer Macht √ľber die Bild- und Bedeutungsproduktion dieser Rang streitig zu machen ist. Jubil√§en, das wird im Jahr 2005 besonders deutlich, zielen darauf ab, mit vermeintlichen Erfolgsgeschichten positive Erlebniswelten zu erzeugen, ein Gef√ľhl der Gemeinschaft und der Zusammengeh√∂rigkeit. Der Anspruch differenzierter Betrachtungsweisen ist mit Inszenierungen der politischen St√§rke nicht vereinbar. ORF und Regierung lassen schon jetzt bei der Rekonstruktion von Geschichte f√ľr die Gegenwart nichts unversucht, emotional aufgeladene Bilder als kollektive Software in den K√∂pfen der Menschen zu verankern.

In den Festschriften der Jubelfeierlichkeiten finden sich keine Bilder der geschundenen K√∂rper von KZ-√úberlebenden nach der Befreiung. Statt dessen erz√§hlen gl√ľckliche Kinder an Bergseen, Kriegsheimkehrer, Tr√ľmmerfrauen sowie die wieder errichteten Prunkbauten von der Nationwerdung √Ėsterreichs. Soviel also zum selbstkritisch-reflexiven Charakter eines "Gedankenjahrs". Vor diesem Hintergrund l√§dt die Minus2005-Plattform mit Hilfe eines Kurzfilmwettbewerbs dazu ein, Sichtweisen zu entwickeln, die sich von den gel√§ufigen Narrativen grundlegend unterscheiden. Das Hauptaugenmerk gilt geschichtspolitischen Perspektiven, die sich auf kritische Weise mit der offiziellen Darstellung der √∂sterreichischen Vergangenheit befassen (z.B. angebliche Opferrolle, Verschweigen der NS-Kontinuit√§ten, Verweigerung der Restitution) und der kritischen Auseinandersetzung mit Nationalismus und Identit√§tskonstruktionen sowie ihrer Ausschlusswirkungen. Der dritte Fokus nimmt  Macht- und Herrschaftsinszenierungen ins Visier und kn√∂pft sich die Marketingmaschinerie in der Politikdarbietung vor.

"display your dissent!" - mit diesem Slogan macht der Kurzfilmwettbewerb auch deutlich, dass sich die Medienlandschaft √Ėsterreichs im so genannten Jubil√§umsjahr in einem h√∂chst Besorgnis erregenden Zustand der Verst√ľmmelung und politischen Abrichtung befindet. Mehr denn je fehlt es an unabh√§ngiger und alternativer Berichterstattung. 2005 dient Bundeskanzler Sch√ľssel ganz wesentlich zum Machterhalt. Den demokratischen Grundlagen der Republik droht jedenfalls mit ihm weiterhin gro√üer Schaden. Dass dies dem √∂ffentlichen Interesse zuwider l√§uft, wird nicht vom ORF zu erfahren sein. Es wird daher bei der Entwicklung von Gegenstrategien an zentraler Stelle daran zu denken sein, sich der Produktion von Bildern selber anzunehmen. Wer mit Zornesr√∂te auf Mainstream-Medien, Rupert Murdoch, Monika Lindner und all die andern Polit-Clowns reagiert, sollte die Energie besser in die eigene Medienarbeit lenken.