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Schon vernetzt? Kamerun, Internet, Weltwirtschaft

Informationsfreiheit, Entwicklungspolitik und digitale Repression

Von Roger Taakam und Martin Wassermair. Erschienen in: Berliner Gazette, 7. Februar 2012

Noch immer lebt ein Gro√üteil der Menschen Kameruns im Schatten des Informationszeitalters, mit dem sich in Afrika zugleich Hoffnungen wie auch √Ąngste verbinden. Die Hoffnung auf die Bildung eines politischen Bewusstseins in der Bev√∂lkerung als Voraussetzung f√ľr eine m√ľndige Partizipation steht jedenfalls der Herausforderung gegen√ľber, im Volk eine breite Medienkompetenz zu erreichen. Jedoch mangelt es selbst ranghohen Autorit√§ten an derselben.
Schon vernetzt? Kamerun, Internet, Weltwirtschaft Schon vernetzt? Kamerun, Internet, Weltwirtschaft

Was k√∂nnen das Internet und die Sozialen Medien in Staaten bewirken, die von der Teilnahme an der globalen Wirtschaft weitgehend ausgeschlossen sind? Wie ver√§ndern sie beispielsweise Gesellschaften in Afrika, die durch autorit√§re Regime unterdr√ľckt werden? Kann ein Land wie Kamerun von der Digitalisierung selbst profitieren oder gewinnen nur die IT-Riesen? Medienaktivist Martin Wassermair, der zur Zeit f√ľr das "World-Information Institute" in Kamerun arbeitet, geht diesen Fragen nach.


Damals ging es durch alle Medien: Mindestens 140 Tote in Yaoundé und Douala. Vor allem jugendliche Demonstranten gingen im Februar 2008 auf die Straßen, um gegen Preistreiberei, Korruption und Perspektivlosigkeit zu demonstrieren. Doch sie hatten nicht mit der Bereitschaft der Regierenden gerechnet, jedes Aufbegehren blutig niederzuschlagen.

Seit 1982 wird die in Zentralafrika gelegene Präsidialrepublik Kamerun von einem Mann regiert: Paul Biya. Der seit 30 Jahren amtierende 78-jährige Biya brachte moderate demokratische Reformen ins Land, darunter das Mehrparteiensystem. Bei Amtsantritt feierte ihn das Volk als den "Erneuerer", Biya war der große Hoffnungsträger nach den Jahren der autoritären Herrschaft seines Vorgänger Ahmadou Ahidjo. 2008 jedoch verschaffte Biya sich einen persönlichen Vorteil, indem er die Amtszeitbeschränkung des Kameruner Präsidenten aushebelte. Viele Anhänger waren enttäuscht. Auch das trieb die Menschen damals im Februar dazu, auf die Straßen zu gehen.

Die Kameruner Pr√§sidentschaftswahlen am 9. Oktober 2011 wurden mit Spannung erwartet, Korrespondenten erhofften sich dieses Mal eine demokratische Wahl, frei von Manipulationen. Die Ergebnisse belehrten sie eines Besseren: 77 Prozent der Stimmen fielen an Biyas Partei RDPC – sein wichtigster Konkurrent in der Opposition, Ni John Fru Ndi von der sozialdemokratischen SDF, kam auf nur zehn Prozent der Stimmen. Ergebnisse, die nicht allein angesichts der Unruhen vor erst wenigen Jahren unglaubw√ľrdig erscheinen m√ľssen. Veranstaltungen der Oppositionsparteien waren nicht zugelassen, Auftritte von deren Politikern in der √Ėffentlichkeit schon im Vorfeld massiv boykottiert worden. Lediglich 40 Prozent der Wahlberechtigten gingen zur Urne.

Der Bruch mit dem Schweigen

Was geschieht nun mit Kamerun? Kann die zentralafrikanische Republik die globale Aufmerksamkeit in Zukunft auf sich ziehen? Oder versinkt sie in der Peripherie, unbeachtet und unbeobachtet von der internationalen Gemeinschaft? Solange die Unzufriedenen die Konfrontation mit den Gewehren der regierungstreuen Milit√§rs weiter scheuen, wird sich niemand f√ľr Kamerun interessieren.

Dabei sollte die internationale Gemeinschaft auch dort wachen Auges sein, wo die Eskalation trotz Verst√∂√üen der Regierenden gegen das Menschenrecht, die soziale Gerechtigkeit, die Freiheit von Wahlen und der Verbreitung von Information lange ausbleibt. Der Arabische Fr√ľhling hat gelehrt, dass sich Menschen mit Netzwerken wie Facebook und Twitter erfolgreich gegen Informationssperren zur Wehr setzen und sich effizient organisieren sowie austauschen k√∂nnen.

Zwar kann das Internet allein ein totalit√§res System noch nicht zum Einsturz bringen. Aber es transportiert Ausk√ľnfte √ľber den Zustand von Zivilgesellschaften und Oppositionen mit transkontinentaler Reichweite. Es bricht das Schweigen unterdr√ľckter V√∂lker gegen√ľber dem Rest der Welt. Das gilt f√ľr Kamerun wie f√ľr viele andere Teile des afrikanischen Kontinents. Das Argument, viele jener V√∂lker wollten die Intervention aus dem Ausland gar nicht, f√§llt angesichts der vielen Stimmen, die das Internet transportiert, schwach aus. Wann also fangen wir ernsthaft an, auf diese Stimmen zu h√∂ren?

Offiziell herrschen auch in Kamerun Presse- und Meinungsfreiheit. In der Praxis jedoch unterliegen die Medien Kameruns der staatlichen Willk√ľr. So kann "Monsieur le Ministre" Ren√© Z√© Ngu√©l√©, zust√§ndig f√ľr Kommunikation, ungeliebte Zeitungen jederzeit abstrafen und verbieten. "Reporter ohne Grenzen" listet Kamerun auf dem 97. Platz der Rangliste der Pressefreiheit, noch sieben Pl√§tze hinter dem ber√ľchtigten Nachbarland Kongo. Bereits 1997 verurteilte ein Kameruner Gericht Michel Michaut Moussala, Direktor und Journalist der unabh√§ngigen Zeitung Le Messager, zu einem Jahr in Gefangenschaft, weil er angeblich falsche Informationen √ľber Biyas Gesundheitszustand verbreitete. Dass seine Zeitung das Regierungsdementi zu besagter Nachricht zwei Tage nach deren Erscheinen ver√∂ffentlicht hat, rettete Moussala nicht vor der Haft.

Erschwerend kommt zu der offenbaren Repression durch die Regierung hinzu, dass bei weitem nicht alle B√ľrger Kameruns Zugang zu kritischen Informationen finden – die Analphabetismusrate liegt mit 40% der Frauen und 23% der M√§nner noch immer ausgesprochen hoch. Nur wenige haben Strom, aber nicht nur TV, Radio und Internet stehen nicht jedem selbstverst√§ndlich zur Verf√ľgung, sondern auch Printmedien oder B√ľcher.

Das Auge der globalen IT-Riesen

Noch immer lebt ein Gro√üteil der Menschen Kameruns im Schatten des Informationszeitalters, mit dem sich in Afrika zugleich Hoffnungen wie auch √Ąngste verbinden. Die Hoffnung auf die Bildung eines politischen Bewusstseins in der Bev√∂lkerung als Voraussetzung f√ľr eine m√ľndige Partizipation steht jedenfalls der Herausforderung gegen√ľber, im Volk eine breite Medienkompetenz zu erreichen. Jedoch mangelt es selbst ranghohen Autorit√§ten an derselben. Die Regierung verschlie√üt sich der M√∂glichkeit eines sozialen, politischen und √∂konomischen Wandels, der durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien stark beg√ľnstigt w√§re.

Stattdessen wird, von der Welt meist unbemerkt und von den gro√üen Telekom-Unternehmen aus Gesch√§ftsinteresse geduldet, vorzugsweise Zensur ausge√ľbt. Schon Anfang M√§rz 2011 wurde in Kamerun der Twitter-Dienst eines Mobiltelefonie-Anbieters kurzerhand abgeschaltet, weil die Beh√∂rden Proteste der Opposition unterbinden wollten. Tats√§chlich wird durch eine Einschr√§nkung der Mediennutzung auch die gesellschaftliche Isolation verst√§rkt, von der Jugendliche, Frauen und der gro√üe Anteil der Landbev√∂lkerung am ehesten betroffen sind. Dabei handelt es sich um genau jene, die seit vielen Jahrhunderten kreative Reicht√ľmer schaffen und von Generation zu Generation weitergeben.

Medienkonzerne wie Google haben l√§ngst erkannt, dass sich aus diesen Ressourcen betr√§chtliche Profite erzielen lassen. Nach den Auftr√§gen zur Digitalisierung des europ√§ischen Kulturerbes ist nun eben auch Afrika mit seinen vielen Sprachen und kulturellen Ausdrucksformen im Visier der globalen IT-Riesen. Das Interesse, traditionelle T√§nze, Musik und auch m√ľndliche √úberlieferungen mit Hilfe neuer Technologien zu dokumentieren und global sichtbar zu machen, weckt aber zugleich berechtigte Zweifel daran, dass Afrika von deren Verwertung selbst profitieren kann. Doch wer f√ľhrt einen solchen Diskurs in Afrika, wenn das Wissen dar√ľber und die notwendige technische Infrastruktur nicht gegeben sind?

Seit geraumer Zeit gibt es eine Debatte √ľber Entwicklungshilfe und deren Schaden und Nutzen. Dabei kommt noch immer meist zu kurz, unter welchen Bedingungen die L√§nder des S√ľdens ihren gesellschaftlichen und politischen Alltag bestreiten m√ľssen. Es braucht keine Debatte √ľber Investitionen, sondern eine gezielte und aufmerksame Betrachtung jener Teile der Welt, die durch das Zusammenspiel von altem regionalen Despotismus und neuer globaler Informationstechnologie hinter internationalen Standards immer weiter zur√ľckfallen.

Wer den Mangel an Entwicklung und Demokratie in diesen Ländern beklagt, sollte jedenfalls verstehen, dass deren Voraussetzungen РZugang zu Informationen, kultureller Pluralismus und mediale Ausdrucksmöglichkeiten Рschon seit Langem nur in einem internationalen Kontext erfassbar sind und sichergestellt werden können. Wenn das in Zukunft mehr Beachtung fände, so wäre dem afrikanischen Kontinent damit sehr geholfen.

Der Beitrag wurde gemeinsam mit Roger Taakam, Chefredakteur der Kameruner Monatszeitschrift "Les Cahiers de Mutations", verfasst.

Berliner Gazette