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Auf den Schlachtfeldern von √Ėkonomie und Politik

Editorial zu "Kampfzonen in Kunst und Medien"

Von Konrad Becker und Martin Wassermair. Erschienen in: Konrad Becker, Martin Wassermair (Hrsg.), Kampfzonen in Kunst und Medien. Texte zur Zukunft der Kulturpolitik, Löcker Verlag (2008)

Die Erfahrung mit Kontrolle und Betriebswirtschaftszw√§ngen im Kulturbetrieb, mit bislang ungekannten Einschr√§nkungen durch rigide Copyright-Regime, r√ľckt auch die Frage nach der Freiheit der Kunst erneut in den Brennpunkt, wobei der √∂ffentliche Raum als Austragungsort einer diesbez√ľglichen Debatte die Raubz√ľge der Privatisierung immer r√ľcksichtsloser zu sp√ľren bekommt.
Kampfzonen in Kunst und Medien (zum Vergrößern auf das Bild klicken) Kampfzonen in Kunst und Medien (zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Wie √ľbersetzen sich imperiale Wunderkammern, Repr√§sentationskunst und b√ľrgerliche Bildersammlungen des Vor-Medienzeitalters in eine Kulturpolitik der Zukunft? √úberhaupt: Wie definiert sich kulturpolitische Gestaltung in einer globalisierten Kulturindustrie, was vermag sie angesichts der so genannten "Kreativwirtschaft" in den Gesellschaften des Informationszeitalters zu leisten? Dient Kunst als Segment nur noch dem urbanen Entertainment sowie dem st√§dtetouristischen Wettbewerb Europas?

Rein statistisch gesehen, ist Kulturpolitik in den Medien kein Thema. In den Redaktionen wird Kulturpolitik immer h√§ufiger als zu wenig "sexy" zur√ľckgewiesen, in Kulturkritiken ist gelegentlich sogar zu lesen, dass nicht die Kulturpolitik schlecht sei, sondern die K√ľnstler und K√ľnstlerinnen selbst. Was schlie√ülich bedeute, dass es gar nicht soviel F√∂rderungsw√ľrdiges g√§be.

Wer etwa in den Online-Diskussionsforen des medialen Mainstream Nachschau h√§lt, findet reichlich Neid und Missgunst auf all jene, die auf vermeintliche Staatskosten von der Allgemeinheit durchgef√ľttert werden. Aber wurde nicht das expressive Streben genau jener schon oft bel√§chelt, die – auch sonst wenig erfolgreich – sich ausgerechnet im scheinbar kaum verifizierbaren Feld der Kunst versuchen? Sie erscheinen jedenfalls nicht obskurer als der erfolgreich geltende TV-Manager, der zudem malt und "eigentlich" als K√ľnstler erkannt und verstanden werden m√∂chte. Was ist letztlich irritierender, das m√§√üig begabte Nachempfinden einer falsch verstandenen Kunstgeschichte, oder die aufgesetzte Haltung von "engagierten" Kunstschaffenden, die in ihrem Tun vor allem eine Marktoption mit Aufstiegsm√∂glichkeiten sehen? Finden sie sich nicht auch in einer Schnittmenge wieder? Gemeinsam mit dem Luxusausstattungs-Vertragsk√ľnstler, dem Society High Art Circuit und – nicht zu vergessen – mit den vielen Adepten und Adeptinnen einer zweifelhaften "Selbstverwirklichung".

Der renommierte Kunstkritiker, Kurator und Publizist Simon Sheik beschrieb die Kunstwelt als ein "Schlachtfeld, auf dem unterschiedliche ideologische Positionen nach Macht und Souver√§nit√§t streben". Entgegen vielfach anderslautenden Meinungen zeigte er sich in seinen Thesen zu einer "Welt in Fragmenten" davon √ľberzeugt, dass die Kunst nicht als ein "autonomes System" zu bezeichnen sei, "sondern von √Ėkonomien und Politiken reguliert" werde, was wiederum in einer "kritischen Theoriebildung und in kritischen kontextuellen Kunstpraxen" zu reflektieren ist. Umso mehr erstaunt, dass hier im Allgemeinen nicht kritische Diskursfelder der Analyse anzutreffen sind, sondern bem√ľht kultiviert vorgetragene Expertisen, die das Bild des genialen Einzelwerks als Inbegriff einer inzwischen √ľberholten Verwertungslogik unver√§ndert in die H√∂he heben. Ein theoretisches Fundament, auf dem historische Bruchst√ľcke der Kunstverst√§ndnisse verschiedenster Epochen und √∂konomischer Zusammenh√§nge auf wundersame Weise zusammengeklittert werden.

Im Kerngebiet der alten Monarchie ist das nicht weiter verwunderlich. Vielmehr resultiert dieses Bild aus einer √ľber Jahrhunderte andauernden Vertreibung der Vernunft, deren letztes Kapitel wenige Jahrzehnte zur√ľckliegt – und trotzdem noch gar nicht so lange wahrgenommen wird. In einem Land ohne Opposition, dessen Geschichte keine soziale Revolution, sehr wohl aber die zweifelhafte Einrichtung des Metternichschen Polizei- und √úberwachungsstaates vorzuweisen hat. Von der Gegenreformation gebrochen, kennzeichnete die Kultur der R√ľckgratlosigkeit ein nach Innen wie auch nach Au√üen verfaulendes und r√ľckst√§ndiges Kaiserreich und setzte sich auch nach dessen Ende weiter fort. Die S√§uberungen, Verfolgungen und Marginalisierungen erfuhren in den darauf folgenden Gewaltherrschaften von Diktatur und Nationalsozialismus eine nochmalige Steigerung. Und dennoch gelang es einer kritischen Intelligenz, dem Land und seinem Zentrum Wien ein bis heute pr√§gendes Profil zu verleihen, das sich dem Mief der Provinzialit√§t unerm√ľdlich widersetzt.

Kampfzonen in Kunst und Medien versucht, die kritischen Stimmen der Gegenwart zu einem gemeinsamen kulturpolitischen Statement zu versammeln. In 25 Beitr√§gen spannt der Sammelband einen breiten sowie auch inhaltlich heterogenen Bogen, der Themen, Dokumentationen und √úberlegungen umfasst, die einerseits politischen Konflikten unmittelbar entsprungen sind, andererseits aber zu kunst-, kultur- und medienpolitischen Kampfzonen aus einer wissenschaftlichen Beobachtung Stellung nehmen. Der Streitfall des Filmfestivals Diagonale als drastisches Anschauungsbeispiel f√ľr den Versuch einer autorit√§ren Rechtsregierung, das unabh√§ngige Kunst- und Kulturschaffen an das G√§ngelband zu nehmen, darf in einer solchen Zusammenschau ebenso wenig fehlen, wie der seit √ľber einem Jahrzehnt anhaltende neoliberale Paradigmenwandel in der Kunstf√∂rderung. Anzusprechen ist hier auch die von der Politik offensichtlich gew√ľnschte Destabilisierung der k√ľnstlerischen Existenz, die – trotz der Versprechen einer grundlegenden Sanierung der von der √ĖVP-Kulturpolitik als K√ľnstlersozialversicherung deklarierten Zuschusssystems – immer in eine immer akuter werdende Prekarit√§tsspirale aus Zynismus, Gleichg√ľltigkeit und Disziplinierungsma√ünahmen ger√§t. Die Erfahrung mit Kontrolle und Betriebswirtschaftszw√§ngen im Kulturbetrieb, mit bislang ungekannten Einschr√§nkungen durch rigide Copyright-Regime, r√ľckt auch die Frage nach der Freiheit der Kunst erneut in den Brennpunkt, wobei der √∂ffentliche Raum als Austragungsort einer diesbez√ľglichen Debatte die Raubz√ľge der Privatisierung immer r√ľcksichtsloser zu sp√ľren bekommt.

Davon wissen neben Museen und Kunstinstitutionen vor allem auch die Universit√§ten mehr als nur ein Klagelied zu singen. Forschung und Lehre wurde das Humboldtsche Ganzheitsprinzip mit dem neoliberalen Rohrstab ausgetrieben, stattdessen werden die Studierenden durch das im Bologna-Prozess vereinheitlichte Hochschulwesen gejagt. Hier schlie√üt sich der Kreis im Kampf um die Autonomie des Individuums, dessen Kampf um Selbstbestimmung und freie Meinungs√§u√üerung vor den Medien nicht Halt machen darf. Nonkonformismus und Kritikverm√∂gen treten hier zunehmend auf br√ľchiges Terrain. Hier f√§llt auf, dass insbesondere mediale Selbsterm√§chtigung auf feindselige Abwehr der Regierenden st√∂√üt, was sich durch eine politische Kultur jahrzehntelanger Unterwerfung erkl√§ren l√§sst, deren Ergr√ľndung in ihren historischen und soziokulturellen Wurzeln eine wichtige Ausgangsbasis f√ľr kulturpolitische Zukunftsstrategien bildet.

Kampfzonen in Kunst und Medien unternimmt einen wichtigen Versuch zur Sichtbarmachung einer kritischen Intelligenz, deren Bedeutung f√ľr die demokratische Bestandssicherung einer √∂ffentlichen Sph√§re immer weniger Wertsch√§tzung erf√§hrt und daher letztlich unterzugehen droht. Angesichts fundamentaler Ver√§nderungen von Gesellschaften auf ihrem Weg zu Informations√∂konomien sind Texte zur Analyse und Artikulation einer Kulturpolitik der Zukunft jedenfalls auch f√ľr √Ėsterreich unerl√§sslich.


Inhaltsverzeichnis

Konrad Becker, Martin Wassermair
Editorial: Auf den Schlachtfeldern von √Ėkonomie und Politik

Gerhard Ruiss
Kunstförderung ist viel

Felix Stalder
Land des Genies. Warum es in der Kulturpolitik
keine Urheberrechtsdiskussion gibt

Marlene Streeruwitz
Nicht eingeladen.

Thomas Trenkler
Die Mär von der Erfolgsgeschichte. Die Ausgliederung der Kunstmuseen
und ihre Auswirkungen

Isolde Charim
Wahrer als wahr. Zur Privatisierung des Gedenkens

Dagmar Travner
Rechte Nichtkultur versus subversive "Unkultur". Vom Nichtvorhandensein
einer schwarzblauen Kulturpolitik

Daniela Koweindl
Weder sicher noch sozial! Das Damoklesschwert
des K√ľnstlersozialversicherungsfonds

Marlene Streeruwitz
Kriegsberichterstattung.

Helmut Ploebst
Wolken √ľber Wien. Ein unruhiger Flug zum Spektakel des Spektakels:
der Performance von Politik und Kunst in √Ėsterreich

Andreas Wahl
Die Berge sind hoch, und der Kaiser ist weit! Von den Segnungen der Provinz

Sonja Eismann
Zur√ľck in den Alltag. Soundpolitisierung rund um Blau-schwarz

Gunnar Landsgesell
Kampfzone Film. Das Hegemoniale seit der Diagonale

Monika Mokre
Wo rechtskonservative Kulturpolitik passiert. Das MuseumsQuartier Wien

Thomas Mießgang
Kultur? Zur√ľck in die Zukunft. Das sozialdemokratische Kulturideal
im Wandel der Zeiten

Martin Wassermair
Konservativ fr√∂hlich. Mitf√ľhlend konservativ. Kulturpolitische Aufmarschpl√§ne der √ĖVP

Gerald Raunig
"Im Feuilleton sind wir unter uns". Eine bewegliche Kartografie
intellektueller Formationen 1999-2008

Belinda Kazeem
Keine Atempause. √úber Sauerstoff und antirassistischen Widerstand

Konrad Becker
Dissens und kulturelle Intelligenz. Wer hat Angst vor der Freiheit der Kunst?

Elisabeth Schweeger
Mitten im Turmbau zu Babel. Irritationen gegen Gleichmacherei

Georg Schöllhammer
Einige Lehren aus den Neunziger Jahren. Oder: was das ist eigentlich,
eine kritische Institution im Kulturbetrieb?

Joachim Riedl
Kultur war einmal. Sozialdemokraten wissen nichts mehr
mit Bildungspolitik anzufangen. Also besetzen sie das Ressort

Burghart Schmidt
Im 1. Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Von "Wende" zu "Sandkiste".
Trotzdem eine Glosse zur kakanischen Wissenschaftspolitik

Irene Zavarsky
Alles bleibt schlimmer. Einblicke in universitäre Um- und Zustände

Gerhard Marschall
Systematische Zerstörung. Inszenierungen in Politik und Medien

Oliver Marchart
Populare Medien. F√ľr eine radikale Demokratisierung
der Medienpolitik

Brian Holmes
SWARMACHINE. Aktivistische Medien Morgen


Das Buch

Konrad Becker, Martin Wassermair (Hrsg.), Kampfzonen in Kunst und Medien. Texte zur Zukunft der Kulturpolitik, Löcker Verlag (2008).

Eine Veröffentlichung des World-Information Institute


12,5 x 20,5 cm, Broschur, 237 Seiten
€ 19,80
ISBN 978-3-85409-483-8