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Kultur und Fiktion im Jahrhundert der Stadt

Editorial zu "Phantom Kulturstadt"

Von Konrad Becker und Martin Wassermair. Erschienen in: Konrad Becker, Martin Wassermair (Hrsg.), Phantom Kulturstadt. Texte zur Zukunft der Kulturpolitik II, Löcker Verlag (2009)

Eine kritische Bewertung von Kultur muss vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Umbruchs gesehen werden, der von Versatzst√ľcken einer wirren Ideologie aus Kreativwirtschaft, Neoliberalismus und Globalisierung getragen wird. Inmitten dieser weltanschaulichen Gemengelage dient Kunst bestenfalls als Dekoration f√ľr Konzerne, als Distinktionsmerkmal profithungrigen Sponsorings, oder als √§sthetisiertes Statussymbol f√ľr vermeintliche Eliten.
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Urbanisierung, Megalopolen, Sprawl. Die gr√∂√üten Ballungsr√§ume liegen l√§ngst nicht mehr in Europa oder den USA, sondern in Asien. Erstmals lebt die Mehrheit der Menschheit in St√§dten. Als Zentren des weltweiten Austauschs von Waren, Dienstleistungen und Ideen r√ľcken sie zunehmend ins Zentrum des Interesses. Nicht nur von √Ėkonomie und Politik, Milit√§r und Sicherheitsorganen, sondern auch von Sozial- und Kulturwissenschaften.

St√§dtische Infrastrukturen sind gleichsam Umschlagpl√§tze der Wissensarbeit, kognitiver Arbeitsleistung und kultureller Produktion. Noch vor hundert Jahren war ein Gro√üteil der Bev√∂lkerung in der Landwirtschaft t√§tig, in Industriegesellschaften haben diese nur mehr einen Bruchteil dessen ausgemacht. Im postindustriellen Zeitalter schwindet der Anteil jener, die direkt an materiellen Produktionsprozessen beteiligt sind, noch schneller, und in den hochtechnisierten St√§dten des Westens werden die Konflikte und Widerspr√ľche dieser Entwicklung dann auch virulent.

Europa, das geopolitisch noch immer eine eher untergeordnete Rolle spielt, ist sehr darum bem√ľht, mit regionaler Vielfalt und Heterogenit√§t als dem immateriellen Kapital einer mobilen Informations√∂konomie in Erscheinung zu treten. Cultural Diversity wurde schlie√ülich auch 2001 in einer UNESCO-Deklaration mit dem Rang eines Welterbes der Menschheit versehen. Mit Blick auf vergangene Epochen imperialer Entfaltung r√ľhmt sich Europa seiner kulturellen Leistungen. Zu Recht?

Seit Jahren dominiert der vermeintliche Aufstieg der "Kreativen Klasse" die Diskussionen zum sozio√∂konomischen Strukturwandel der westlichen Informationsgesellschaften. Die Auseinandersetzung mit einer kognitiven Marktwirtschaft und Mehrwertleistung erstreckt sich von der Creative Industries-Hysterie √ľber halbherzige, zumeist sozialdemokratische Versuche, sich den Ver√§nderungen der Wertsch√∂pfungskette im soziokulturellen Bereich zu stellen, bis hin zu konservativen Spielarten der Kulturindustrie und ihrer Konvergenz mit Hightech-Monopolen. Vieles bleibt dabei fragw√ľrdig, denn eine differenzierte Bewertung kulturellen Bestands ben√∂tigt eine kritische Reflexion, deren theoretische Grundlage aber d√ľrftig erscheint. "Kulturhauptst√§dte", im Rotationsprinzip wie millionenschwere Troph√§en quer durch Europa herumgereicht, k√∂nnen da kaum √ľberzeugen.

Seit der Umwandlung √Ėsterreichs von einem Vielv√∂lkerreich zu einem Kleinstaat sucht seine, nach dem Ende des Kalten Kriegs in globaler Bedeutungslosigkeit versunkene Hauptstadt Zuflucht in der Hoffnung, eine Kulturstadt zu sein. √Ėsterreichs Phantomschmerz nach dem Verlust des Imperiums f√ľhrte zur Ausrufung einer imagin√§ren Kulturnation. Ein virtuelles Traumland wurde rund um das Zentrum Wien erbaut, der Mythos einer Welt umspannenden Hegemonie, konstruiert unter Aufbietung aller kulturellen und intellektuellen Gr√∂√üen der ehemaligen Kronl√§nder und Kolonien. Zun√§chst als "notwendige" Illusion zur Konstruktion von Nation erfunden und in weiterer Folge als "Touristenfalle" ausgebaut, entwickelte sich zwangsl√§ufig eine marktwirtschaftliche √Ėkonomisierungslogik. W√§hrend sich √∂sterreichische Provinzst√§dte wie Graz und Linz mit einem Gemischtwarensortiment aus einem Hauch Zukunftsmusik, R√ľckbesinnung auf regionale Eigenheiten und dem Wetteifern um hochkulturelle Wettbewerbsf√§higkeit als "Kulturhauptst√§dte Europas" inszenieren, sieht Wien seinen Standortvorteil vor allem in der Vermarktung des kulturellen Erbes. Die Stadt selbst wirkt wie ein Museum, auf Gutsherrenart verwaltet zwischen imperialen Fassaden und Fin de si√®cle-Kitsch. Die endlose Reproduktion historischer Hof-Kultur und b√ľrgerlicher K√ľnste gilt als touristische Investition.

In einem derartigen Umfeld muss jeder Versuch, kulturelle Stadtentwicklung avanciert zu positionieren, scheitern, wie sich etwa in einem der größten Baumaßnehmen der vergangenen Jahre, dem Museumsquartier, eindrucksvoll zeigt. Zunächst als Experimentierfeld konzipiert und mit Mitteln der Kunst- und Kulturförderung finanziert, ist das MQ längst zu einer gastronomischen Konsumzone verkommen, die mit enormem Marketingaufwand vermeintlich hohe Publikumskontakte erwirtschaftet.

Dabei zeigt sich auch ein grundlegender Widerspruch. Manisch-konservative Nostalgie mag vielleicht touristischen Mehrwert und Eigenst√§ndigkeit schaffen, aber nur √ľberregionale Durchl√§ssigkeit und die Dynamik transnationalen Austauschs er√∂ffnen eine globale B√ľhne. Als Zentren konkurrierender Regionen funktionieren St√§dte nur im Konzert, durch Interaktion und Kooperation. Die politische Kultur, mit ihrer langen Tradition von Feudalherrschaft und technokratischer B√ľrokratie, erweist sich hierzulande als unverwechselbar. "Wien ist das politisch korrupteste Nest auf der ganzen Welt", notierte Mark Twain nach einem Besuch schon 1899. Mehr als hundert Jahre sp√§ter best√§tigt der wegen Amtsmissbrauch verurteilte Stadtpolizeikommandant: "Nach meiner Wahrnehmung existiert hier ein tiefer Sumpf …" Transparency International sieht Korruptionsbek√§mpfung dort gefordert, wo institutionelle Kontrolle der Macht fehlt, Entscheidungsfindung unklar bleibt und der Boden der Zivilgesellschaft d√ľnn gehalten wird. In vielen L√§ndern und dysfunktionalen Systemen mag Korruptheit von Obrigkeit und Amtsorganen oft als ein heimlicher Segen angesehen werden. Aber als pandemische Form einer internalisierten kulturellen Praxis, die auf dem Korruptionsindex gar nicht erst abgebildet werden kann, wird es zu einer Verschw√∂rung des servilen Mittelma√ües.

Eine kritische Bewertung von Kultur muss vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Umbruchs gesehen werden, der von Versatzst√ľcken einer wirren Ideologie aus Kreativwirtschaft, Neoliberalismus und Globalisierung getragen wird. Inmitten dieser weltanschaulichen Gemengelage dient Kunst bestenfalls als Dekoration f√ľr Konzerne, als Distinktionsmerkmal profithungrigen Sponsorings, oder als √§sthetisiertes Statussymbol f√ľr vermeintliche Eliten.

In der "Massenkultur", verortet im Zeitalter individualisierter digitaler Medien, in dem sich das vereinzelte und dezentralisierte Individuum im Netz der Medienkonzernen zunehmend verf√§ngt, erlebt Fragmentierung als politische Waffe eine neue Dimension. Eine neue urbane Geographie der Klassengesellschaft und des Unternehmertums in der Stadtentwicklung schafft stratifizierte Zonen und Sph√§ren simulierter √Ėffentlichkeit. Die Kontrolle des st√§dtischen Raums zur Etablierung von Dominanz durch die Produktion von urbanem Raum erstreckt sich nicht zuletzt auf kulturelle R√§ume und die symbolische Institutionalisierung von Macht. Konzeption und Ideologie der strukturellen Bewusstseinsindustrie von Kultur und Medien entwickeln dabei unweigerlich direkte Auswirkungen auf unsere urbanen Realit√§ten. Der Einfluss auf allt√§gliche Lebenswelten betrifft nicht nur die Arbeitsverh√§ltnisse. Die Stratifizierung st√§dtischer R√§ume formt dabei auch die Hegemonie √ľber informelle Bildung, Insignien und Weltbilder.

Die Sichtbarkeit der konstitutiven Elemente einer Gesellschaft ist Gradmesser f√ľr die demokratische Repr√§sentation jener, die daran teilnehmen oder von der Teilnahme ausgeschlossen bleiben. St√§dte brauchen Sichtbarkeit – nicht zuletzt zur Gew√§hrleistung der Transparenz von Politik, Justiz und Verwaltung. Aber sie m√ľssen auch Unsichtbarkeit garantieren, die individuelle Anonymit√§t und Souver√§nit√§t von Menschen. Nicht nur Pl√§tze, Verkehrswege und Infrastruktur m√ľssen zur Verf√ľgung stehen, sondern auch Freir√§ume und Nischen. Denn nicht in den selbsternannten Zentren der Orthodoxie werden neue Ideen geboren und gen√§hrt. Die F√∂rderung von Differenzierung, Experiment und Dissens erscheint daher auch als eine elementare Vorbedingung zur Erschlie√üung urbaner R√§ume.

Werden Kunst und Kultur demzufolge zu urbanen Agenturen von Grundst√ľcksspekulation und Gentrifizierung? Welche Wege bleiben Kulturschaffenden noch offen, um sich eine globale Dynamik zu Nutze zu machen, ohne von repressiv-toleranten Kr√§ften in Politik und Finanz restlos vereinnahmt und korrumpiert zu werden? Die Analyse urbaner Entwicklungen im Kontext der Globalisierung muss sich der neuen multipolaren Dynamik im Spannungsfeld von Zentrum und Peripherien zuwenden. Sie erfordert ein neues Verst√§ndnis von R√§umen, die – weil sie prozesshaft sind – keine feste, unver√§nderliche Form und Identit√§t haben, was wiederum die Trennung von Innen und Au√üen verwischt.

Die wirtschaftliche Vereinnahmung von Kultur, kultureller Symbolmanipulation und dem Raum des √∂ffentlichen Ged√§chtnisses ist freilich nicht nur eine Bedrohung – sie bietet auch eine Chance. Jenseits b√ľrgerlicher Totenkulte und k√ľnstlerischer Flachware zum Zwecke der Spekulation sind dringend Strategien geboten, um Mechanismen der kulturellen Machtaus√ľbung mit einer kritischen und emanzipatorischen Praxis in Kunst und Kultur zu konfrontieren. Das Primat der √Ėkonomie formt die soziale Realit√§t, aber Geld selbst ist letztlich kein physikalischer Gegenstand, sondern Ausdruck sozialer Beziehungen. Der Zugriff auf kritisch-strategisches Denken erm√∂glicht es, die Spielregeln dieser Relationen zu hinterfragen, kritisch zu √ľberpr√ľfen und neue andere Beziehungsmuster zu verfolgen. An diesem Punkt setzt der vorliegende Sammelband an. In Phantom Kulturstadt unternehmen 29 Autorinnen und Autoren den Versuch, den urbanen Raum als eine Konfliktzone zu begreifen. Als ein Territorium des 21. Jahrhunderts, in dem sich globale Entwicklungen, gesellschaftliches Verwerfungen und eben auch ein asymmetrisches Kr√§ftemessen manifestieren. Zwischen jenen, die √ľber Kultur und Hoheitszeichen nach Festigung ihrer Regime trachten, und jenen, die mit √úberwachung und sozialer Kontrolle in einem schier unentrinnbaren Status der Macht- und Sprachlosigkeit gehalten werden. Dieser Bogen wird weit gespannt, er erfasst internationale Schaupl√§tze wie Detroit, Dubai, Barcelona und Amsterdam und l√§sst sich in f√ľnf Gruppen gliedern, die zugleich die Vielzahl der Perspektiven widerspiegeln. Den Auftakt macht die Einordnung in √∂konomische Zusammenh√§nge. Der Trend zu City Brandings ist nicht nur ein Indiz f√ľr den Vormarsch der "Gef√ľhlsdemokratie" in die Stadtentwicklung, sondern auch Ausdruck einer Privatisierung der Kulturpolitik, die nicht zuletzt auch in den "Kulturhauptst√§dten Europas" Graz 2003 und Linz 2009 nachhaltige Spuren hinterlassen hat. Der zweite Block beleuchtet den urbanen Raum als Aufmarschgebiet zur Herstellung von Ruhe und Ordnung. Der psycho-soziale Zugriff auf das Individuum, kulturelle Fragmentierung sowie auch polizeiliche Repressionen erfordern strategische Reflexionen und Denkanst√∂√üe, wie sich Freir√§ume √ľberhaupt noch erk√§mpfen lassen. Kunst und Kultur, in diesem Band der dritte und vierte Rahmen, nehmen auch in dieser Frage eine antizipative Rolle ein. Verst√∂rende Interventionen in die Zeichensysteme von Unterdr√ľckung und Angst sind dabei ebenso von Interesse, wie auch k√ľnstlerische Praxen, die im st√§dtischen Umfeld mit einer selbstbestimmten Bild- und Bedeutungsproduktion gegen Rassismus, Sexismus und Gewalt antreten. Abschlie√üend kommt der k√§mpferische Anspruch des Buches insofern zur Geltung, als die sozialen Gegens√§tze nicht als drohendes Unheil skizziert und bewertet werden, dem nur mit Phantomgebilden einer f√ľr alle annehmlichen Kulturstadt beizukommen sei, sondern als eine Situation, die ad√§quater Schlussfolgerungen bedarf. Schon heute zeichnen sich mit der Umgestaltung der St√§dte deutliche Konturen ihrer Zukunft ab. Kulturpolitik darf sich diesen Entwicklungen nicht verschlie√üen.

 

Inhaltsverzeichnis

Konrad Becker, Martin Wassermair
Editorial. Kultur und Fiktion im Jahrhundert der Stadt

Siegfried Mattl
City Brandings. Stadtentwicklung und Gef√ľhlsdemokratie

Elisbeth Mayerhofer
Cultural and Creative Industries. Die Politik nach dem Hype
     
Monika Mokre
Kulturhauptstadt Graz 2003 und Linz 09. Die schleichende Privatisierung der Kulturpolitik

Rainer Zendron
Linz - von der Industriestadt zur Kulturstadt? √úber Gefahren, eben erst erfundene Werbe-Slogans als fundierte Analyse zu missverstehen

Therese Kaufmann
Jenseits des Visibility-Mantras. Transnationale Kulturpolitiken
      
Merjin Oudenampsen
From Playground to Workshop. A Tale of two creative cities

Mike Davis
Wer wird die Arche bauen? Die Stadt als Problem und Lösung
  
Matteo Pasquinelli
Jenseits der Ruinen der Creative City. Die Sabotage der spekulativen Miete
   
Ewen Chardronnet
Entbettung. Werkzeugsatz des psycho-urbanen Containments
   
Christoph Laimer
Mehr Raum f√ľr Kultur. Von Ruhest√∂rungen, Hausbesetzungen und Repression
   
Klaus Neundlinger, Steffi Weiß
Unangepasste Subjektivit√§ten. Hausbesetzung in Reggio Emilia als Wiederaneignung sozialer Kontexte im Stadtraum 

Felix Stalder
Nischen im Flickenteppich. Kulturelle Fragmentierungen der Stadt

Hito Steyerl
Mind wide shut. Kunst im Zeitalter der Angst
    
Christian Höller
Selbstbehauptung und Selbsterwichtigung. Zum Werdegang der Kunststadt Wien
   
Anne Katrin Feßler
M√∂belr√ľcken auf der gr√ľnen Wiese. Chancen und Vers√§umnisse von Kunst im √∂ffentlichen Raum

Tom Waibel
Im Vexierbild medialer Urbanität. Pixelierte Ansichten einer Phantom-Stadt
   
Stefanie Carp
Im Themenpark der Hochkultur. Kunst als urbane Besitzstandswahrung

Konrad Becker
Phantome der Stadt. Mythen, Utopien und das Gespenst der Freiheit

Katharina Ludwig
Schloss-Souvenirs. Macht und Vermarktung im imperialen Wien
   
Peter Rantasa
In Tr√ľmmern. Der Geist urbaner Musikkultur

Markus Wailand
Stell dir vor, Wien wäre anders. Beschmierungen und Stadtbetrachtung

Jan Tabor
traktat √ľber kultur (fragment)
   
Martin Wassermair
Die Kirchen des Gewesenen. Kulturelles Welterbe und identitäre Abwehr

Boris Buden
Society Lost. Warum sind urban struggles keine gesellschaftlichen Kämpfe?

Roland Atzm√ľller
Workfare. Disziplinierung und Reorganisation der Urbanität
   
Clemens Apprich
It's the community, stupid! Urbane Regierungstechniken der Selbstverwaltung

Ljubomir Bratic
Exotisierung, Privatisierung und B√ľrgerkrieg. Strategien zur Stratifizierung von Raum und Ort

Hanna Hacker
Sex und Feministinnen in Städten. Dreizehn zur Erinnerung
     
Beat Weber
Prekäre Eliten. Bobo-Ressentiment, Stadtpolitik und die neuen Klassengrenzen

 

Das Buch

Konrad Becker, Martin Wassermair (Hrsg.), Phantom Kulturstadt. Texte zur Zukunft der Kulturpolitik II, Löcker Verlag (2009).

Eine Veröffentlichung des World-Information Institute


12,5 x 20,5 cm, Broschur, 283 Seiten
€ 19,80
ISBN 978-3-85409-506-4