Home » Texte » Rote Karte fĂŒr Kunst und Kultur!

Rote Karte fĂŒr Kunst und Kultur!

Ein Kommentar zur kulturpolitischen Agonie im Vorfeld der Euro 08

Von Martin Wassermair. Erschienen in: KUPF-Zeitung Nr.125, Mai 2008

Der Appell, wie "ein Mann zusammenzustehen", verfolgt nicht die Absicht, kollektives Bewusstsein zu schĂ€rfen. Von offizieller Stelle ist keine Silbe davon zu erfahren, dass öffentliche Gelder enormen Ausmaßes in einen Event gepumpt werden, der vor allem die Konzerne in den VIP-RĂ€ngen frohlocken lĂ€sst. WĂ€hrend nĂ€mlich Mc Donald's, Adidas und Coca Cola den Profit nach Hause tragen, sind immer mehr Menschen einer Teuerungslawine ausgesetzt, die den SozialĂ€mtern massiven Zulauf beschert.
Karikatur: Rote Karte fĂŒr Kunst und Kultur! Karikatur: Rote Karte fĂŒr Kunst und Kultur!
Wiener Innenstadt, im FrĂŒhjahr 2008. Wer vom Trademark-Trommelfeuer zur Bewerbung des bislang grĂ¶ĂŸten nationalen Großereignisses nicht aller Sinne beraubt werden wollte, musste Augen und Ohren mit besonderer PrĂ€zision bedienen, um die wenigen Stimmen auszumachen, die der Verwertungsmaschinerie der Fußballeuropameisterschaft eine klare Absage erteilten. Allen EinschrĂ€nkungen des freien Plakatierens zum Trotz waren sie dennoch vereinzelt auffindbar. Die kleinformatigen Manifestationen, auf dem linke Splittergruppen gemeinsam mit eingefleischten Fangruppen ihre Verachtung affichierten. "Scheiß EM 08!" So auch auf einem Baum am Karlsplatz.

Vielleicht war es genau jener Baum, der wenige Wochen spĂ€ter dazu ausersehen ist, eine BĂŒhne zu bieten fĂŒr "ein schrĂ€ges und skurriles Panoptikum" - prĂ€sentiert von "KĂŒnstlern verschiedenster Disziplinen", so das Versprechen des stĂ€dtischen Rathauspressedienstes. Die UEFA Euro eröffne demzufolge eine Chance, "den Karlsplatz als kommunikativen und kunstaffinen Stadtraum zu definieren", was wiederum den zustĂ€ndigen Stadtrat vom "Freundschaftsspiel zwischen Fußball und Kultur" schwĂ€rmen ließ. Wie einfallsreich!

Auch in Klagenfurt suchten die Stadtverantwortlichen die Symbiose. Wahr werden soll sie mit einer interaktiven Kunstinstallation, die dazu einlĂ€dt, in einem Glaskubus möglichst lautstark und originell Zitate von Robert Musil vorzutragen. Ob es gelingt, ausgerechnet an dem EM-Austragungsort, den die SicherheitskrĂ€fte mit ganz und gar Furcht erregenden Szenarien vom Einfall gewaltbereiter Hooliganhorden in Unruhe versetzen, die gefĂŒrchteten Rowdies zur kreativen Mitgestaltung des kĂŒnstlerischen Begleitprogramms zu bewegen, soll schließlich auf einer Website weltweit zu ĂŒberprĂŒfen sein. Public viewing einmal anders.

Schon seit Wochen ist unĂŒbersehbar, dass die Euro 08 vor allem eines mit sich bringt: Ausnahmezustand! Da werden Fanzonen eingegrenzt, Bannmeilen auf den StadtplĂ€nen festgeschrieben, ErnstfĂ€lle geprobt - ja und selbst ein ĂŒber den Verdacht politischen Fehlverhaltens erhabener DJ des ORF-Massensenders Ö3 musste die Playlist seiner mehrstĂŒndigen Stadionbeschallung der UEFA zur Kenntnis bringen, weil unnötige Erregung frĂŒhzeitig zu unterbinden ist. Der Stimmungsmacher "Burning Down the House" der legendĂ€ren Talking Heads wird demnach nicht zu hören sein. Ausnahmezustand bedeutet auch, dass zwar irgendwie alle auf eine Massenhysterie eingeschworen werden, die Massen sich aber draußen vor der TĂŒr der satten ErtrĂ€ge ruhig und unauffĂ€llig verhalten sollen. Die "SpielplĂ€ne der Emotionen", wie die PR-Hymnen der vom Bundeskanzleramt in mehrfacher Millionenhöhe finanzierten Pressure-group "Österreich am Ball" unaufhörlich tönen, haben den rot-weiß-roten Schulterschluss im Visier.

Der Appell, wie "ein Mann zusammenzustehen", verfolgt nicht die Absicht, kollektives Bewusstsein zu schĂ€rfen. Von offizieller Stelle ist keine Silbe davon zu erfahren, dass öffentliche Gelder enormen Ausmaßes in einen Event gepumpt werden, der vor allem die Konzerne in den VIP-RĂ€ngen frohlocken lĂ€sst. WĂ€hrend nĂ€mlich Mc Donald's, Adidas und Coca Cola den Profit nach Hause tragen, sind immer mehr Menschen einer Teuerungslawine ausgesetzt, die den SozialĂ€mtern massiven Zulauf beschert. Zugleich werden Polizeibefugnisse ausgeweitet und Überwachungsvorkehrungen auf den höchsten Stand der Technik gebracht. Es wĂ€re somit fast naheliegend, dass nicht zuletzt Kunst und Kultur schon seit Monaten eine mitreißende Welle der Politisierung erzeugen mĂŒssten, um sich gegen derartige Entwicklungen aufzulehnen. Wer, wenn nicht kritische und unabhĂ€ngige Projekte, Initiativen und aktivistische Medienunternehmungen, sollte in die Systeme der Kommerzwelten eindringen, um fĂŒr Chaos, Störung und Unordnung zu sorgen? Doch Fehlanzeige! Ausnahmezustand bedeutet ganz offensichtlich auch, dass die SprintqualitĂ€ten eher bei voraus eilendem Gehorsam zum Einsatz kommen, sobald ein dicker Braten zu riechen ist. Von Verweigerung und oppositionellen Gesten sind bislang jedenfalls nur sehr wenige Spuren zu erkennen.

"Auf der Suche nach einem GemeinschaftsgefĂŒhl", schreibt das Wiener Dommuseum, das anlĂ€sslich der Euro 08 ebenfalls mit einer Ausstellung im kulturellen Begleitprogramm die mythischen und kultischen Wurzeln der Faszination des runden Leders zu ergrĂŒnden sucht, "finden viele Fans im Fußball ihre Ersatzreligion. Die geliebte Mannschaft wird fĂŒr sie zur Gottheit und zusammen mit anderen AnhĂ€ngern bilden sie eine Gemeinde". Vielleicht wollen auch die KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler einfach nur Anschluss finden. Als PilgerstĂ€tte sei einmal mehr die Linzer Kirche zu empfehlen, in welcher der 15-jĂ€hrige Heilige Dominikus Savio mit einem Fußball abgebildet ist. Vielleicht erscheint ihnen in dessen Antlitz eine rote Karte und sie gehen noch rechtzeitig vom Platz.

KUPF