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Telegraphenamt Avenue Kakatare III

Globalisierungserkundungen aus der SĂŒdperspektive

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 2, Juli 2011

Hinter den Goldmedaillen, die am 1. Mai besonders verdienten BeschĂ€ftigten in staatsnahen Unternehmen verliehen wurden, offenbaren sich eine ganze Menge sozialer Unsicherheiten. Noch immer erfolgt die Praxis von KĂŒndigungen weitgehend willkĂŒrlich. Kollektivrechte werden zudem ebenso oft ignoriert wie auch Gehaltsvereinbarungen und allfĂ€llige Sozialleistungen fĂŒr die Familienangehörigen.
1. Mai 2011 in Maroua 1. Mai 2011 in Maroua
1. Mai 2011 in Maroua 1. Mai 2011 in Maroua
Frauen in Maroua beim Verkauf von Steinen Frauen in Maroua beim Verkauf von Steinen

__ Arbeit

Der 1. Mai beginnt in der Avenue Kakatare regelmĂ€ĂŸig schon am Tag davor. Wie alle anderen Verkehrswege der Innenstadt sollte auch 2011 die lange Achse ins Zentrum wie eine Flaggenallee in GrĂŒn-rot-gelb erstrahlen. Als Zeichen der Verbundenheit mit der Nation, die ansonsten im geschĂ€ftigen Alltag entlang der zerfurchten Straße nicht von vitaler Bedeutung ist. Doch die bunt schillernde Dekoration fand in diesem Jahr nicht die höchste Anerkennung. Der auf einer nahen Anhöhe residierende Gouverneur ließ sich nicht persönlich blicken, sondern entsandte seinen GeneralsekretĂ€r zu den Maifeierlichkeiten auf der anderen Seite der Stadt, wo nach dem einfachen Volk auf der Straße nun auch die Spitzen aus Politik, MilitĂ€r und Wirtschaft auf die offizielle Eröffnung warteten.

Endlich erschloss sich dem Telegraphenamt, was diesen Tag aus der Perspektive des SĂŒdens so besonders macht. Der 1. Mai steht hier im Sahel nicht in der Tradition des internationalen Kampfes gegen kapitalistische Ausbeutung und die Entrechtung des Proletariats. Die vielen tausenden Menschen sind, so wie auch in den großen Zentren Douala und YaoundĂ©, schon in den frĂŒhen Morgenstunden zum Boulevard der großen AufmĂ€rsche geeilt, um einem Spektakel beizuwohnen, das den 1. Mai zu einem gesellschaftlichen Stelldichein erklĂ€rt. Frieden – Arbeit – Vaterland. Die Republik Kamerun hat schon in der Dreifaltigkeit ihrer Verfassungssymbole deutlich aufgezeigt, dass Arbeit nicht durch politischen Dissens auf der Straße geschaffen wird, sondern nur im engen Schulterschluss mit den Herrschenden, die nun auch in Maroua mehrere Stunden lang die ehrerbietende Aufwartung der WerktĂ€tigen entgegen nahmen.

Banken, SpitĂ€ler, GlĂŒcksspielunternehmen, UniversitĂ€ten, Versicherungen, Ministerien und nicht zuletzt die MĂŒllabfuhr marschierten im Paradeschritt an den MĂ€chtigen vorbei, so als wĂ€re die Zuversicht in deren Wirken unermesslich. Das Gesamtbild der Darbietung erstrahlte in einer einzigartigen Farbenpracht, wobei die Beteiligten auf variantenreich gefertigten Stoffen die enge Verbundenheit mit ihrem Betrieb im wahrsten Sinne des Wortes verkörperten. Umso erstaunlicher, dass noch zu Beginn der Veranstaltung ein Gewerkschaftsvertreter zu Wort gekommen war, der die Aufmerksamkeit dieser Eintracht kurz auf so manche Schattenseite des Arbeitsalltags lenken konnte. Hinter den Goldmedaillen, die an diesem Tag besonders verdienten BeschĂ€ftigten in staatsnahen Unternehmen verliehen wurden, offenbaren sich nĂ€mlich sehr wohl eine ganze Menge sozialer Unsicherheiten. Noch immer erfolgt die Praxis von KĂŒndigungen weitgehend willkĂŒrlich. Kollektivrechte werden zudem ebenso oft ignoriert wie auch Gehaltsvereinbarungen und allfĂ€llige Sozialleistungen fĂŒr die Familienangehörigen. Da können die Regierungsriegen auf den TribĂŒnen noch so oft den unermĂŒdlichen Einsatz der öffentlichen Dienste preisen, die Tatsache bleibt unverrĂŒckbar, dass die SĂ€ule Arbeit im GefĂŒge des Staates auf ausgesprochen fragilen Beinen steht.

Der 1. Mai war wie jedes Jahr auch 2011 irgendwann vorĂŒber. ZurĂŒck bleiben die RealitĂ€ten des tĂ€glichen Lebens, in dem es ĂŒber Arbeit nicht viele Worte zu verlieren gibt. Unweit des Telegraphenamts klopfen junge Frauen Steine zu kleinteiligen Zementbeigaben fĂŒr  den Verkauf entlang der Straße. Zu den Folgen dieser Schinderei zĂ€hlen schwerwiegende Atemwegerkrankungen, deren medizinische Behandlung fĂŒr die meisten ohne soziale Absicherung unerschwinglich bleibt. Vielleicht wird dadurch verstĂ€ndlich, warum doch sehr viele Menschen der Stadt dem Festtag der Arbeit schlicht ferngeblieben sind.


FrĂŒhere Depeschen

Telegraphenamt Avenue Kakatare I - MobilitÀt

Telegraphenamt Avenue Kakatare II - Strafanstalt