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Die Unbekannten vom Spielfeldrand

Foot Solidaire im Kampf gegen das Monster des modernen Sklavenmarkts

Von Martin Wassermair. Erschienen in: ballesterer fm, Nr.59, Februar 2011

Eine Chance zur Durchsetzung von ethischen Prinzipien sieht Jean Claude Mbvoumin in der gegenwĂ€rtigen ökonomischen Krise. Die Menschen seien angewidert von den Exzessen des Kapitalismus, das könnte auch der Anstoß sein, ĂŒber Produktionsbedingungen im Fußball nachzudenken.
Interview Jean Claude Mbvoumin, 22. Oktober 2010, pt.1 Interview Jean Claude Mbvoumin, 22. Oktober 2010, pt.1
Jean Claude Mbvoumin mit Rigobert Song und Oman Biyick Jean Claude Mbvoumin mit Rigobert Song und Oman Biyick
Interview Jean-Claude Mbvoumin, 22. Oktober 2010, pt.2 Interview Jean-Claude Mbvoumin, 22. Oktober 2010, pt.2
NĂ©griers du Foot NĂ©griers du Foot

Die FIFA sieht darin ein Problem, das es ernst zu nehmen gilt. FĂŒr Jean Claude Mbvoumin handelt es sich um das Monster eines modernen Sklavenmarktes im europĂ€ischen Klubfußball. Seit zehn Jahren kĂ€mpft der ehemalige Internationale aus Kamerun gegen die AuswĂŒchse des Spielerhandels mit afrikanischen Jugendlichen – und stĂ¶ĂŸt dabei nicht nur auf Sympathien.


Im GesprĂ€ch meidet Maxime jeden Augenkontakt. Es hat fast den Anschein, als wolle er so seiner eigenen ErzĂ€hlung aus dem Weg gehen, die zu Jahresbeginn 2009 eine tragische Wendung genommen hat. Damals waren zahlreiche Blicke auf ihn gerichtet, als der 16-JĂ€hrige aus Abidjans bevölkerungsreichem Stadtteil Yopougon mit seiner Elf im Jugendcup-Finale der ElfenbeinkĂŒste den Sieg feierte. Noch am Spielfeldrand nahm ihn ein unbekannter Franzose in Empfang, ein Nachwuchs-Scout, der sich dem jungen Talent ganz jovial nur mit Vornamen zu erkennen gab. Mehr war fĂŒr Maxime nicht zu erfahren. Das Angebot, fĂŒr die Zahlung von 1.200 Euro im europĂ€ischen Klubfußball auf den Pfad eines Didier Drogba oder Bonaventure Kalou gefĂŒhrt zu werden, klang so verlockend, dass selbst im Kreise der Familie niemand Zweifel artikulieren wollte. Das Geld wurde mit großer MĂŒhe aufgebracht, und schon wenige Tage spĂ€ter brach Maxime ins Ungewisse auf.

In einem kleinen Hotel unweit der Pariser Gare du Nord war dann vorerst Endstation. Er mĂŒsse die Vertragsverhandlungen mit den interessierten Klubs nur noch zu einem Abschluss bringen, erklĂ€rte der Agent dem Burschen, das sei alles reine Formsache. Sieben Tage wartete Maxime auf eine RĂŒckkehr seines Entdeckers, dann setzte ihn ein groß gewachsener Hotelbediensteter kurzerhand vor die TĂŒr.

Nach der Endstation

Der unbekannte Franzose vom Spielfeldrand ist seither nie mehr aufgetaucht. Stattdessen trat Jean Claude Mbvoumin kurze Zeit spĂ€ter in das Leben des in der Großstadt herumirrenden Ivorers. Maxime hatte irgendwo den Tipp erhalten, sich in seiner misslichen Lage an eine Organisation wenden zu können, die in Not Geratenen wie ihm zur Seite steht. TatsĂ€chlich hat der in Kamerun geborene Mbvoumin mit der Initiative Foot Solidaire eine beachtliche Bekanntheit erzielt, die aber zugleich auch die Tragweite der Problematik widerspiegelt. Seit nunmehr zehn Jahren ist er mit seinem kleinen Team in Paris die erste Adresse fĂŒr Jugendliche, die einem kriminellen und skrupellosen Menschenhandel zum Opfer gefallen sind.

Foot Solidaire verweist mittlerweile auf mehr als 3.000 dokumentierte EinzelfĂ€lle. Hinter jedem dieser Schicksale verbirgt sich der sehnliche Wunsch afrikanischer Jugendlicher, den tristen Alltag gegen Geld, Ruhm und Titel in der globalen Fußballarena einzutauschen. Jean Claude Mbvoumin hat diesen Traum selbst gelebt. "Als einer der besten Linksaußen meiner Generation durfte ich von der letzten Welle der Anfang der 1990er Jahre weit fortgeschrittenen Jugendarbeit im Kameruner Fußball profitieren", erzĂ€hlt er dem ballesterer nicht ohne Wehmut. Der Hauptstadtklub Canon de YaoundĂ© habe ihm die Schulbildung bezahlt. "Damals war das Ziel aber noch nicht so sehr die Professionalisierung, und schon gar nicht der Weg nach Europa. Uns ging es vorrangig darum, eines Tages in die Spuren von Persönlichkeiten wie Roger Milla, Thomas Nkono und Jacques Songo'o zu treten." Nachdem der 19-JĂ€hrige mit der Teilnahme an der Junioren-WM 1993 in Australien endgĂŒltig in das Radar des TransfergeschĂ€fts geraten war, wechselte er im Dezember 1994 dennoch nach Frankreich zu AS Beauvais. Dass Mbvoumin noch in Kamerun den Vertrag abschließen konnte, war schon zu dieser Zeit keineswegs selbstverstĂ€ndlich. Das wurde ihm erst in seiner Zeit als Profi bewusst, als sich seine Wege immer öfter mit gestrandeten MinderjĂ€hrigen kreuzten, die von "Unbekannten am Spielfeldrand" in eine unverhoffte Misere ohne Schutz und rechtlichen Status gestoßen worden waren.

Nahrung fĂŒr den Showbetrieb

Der Dominoeffekt des Bosman-Urteils hat nach 1995 zu einem massiven Anstieg der Nachfrage nach afrikanischen Spielern gefĂŒhrt, vor allem bei zweitklassigen Vereinen in Europa. Das fĂŒhrte zu einer systematischen Belebung des Transfermarktes, an dem sich neben Agenten nun auch Trainer, ehemalige Spieler und Erzieher bereichern wollten. Obwohl schon frĂŒh offensichtlich wurde, dass das große GeschĂ€ft auch tragische Konsequenzen nach sich zieht, hatten nur wenige ein Interesse, davon wieder abzurĂŒcken. "Auch als erste Todesopfer bekannt wurden, herrschte GleichgĂŒltigkeit", erzĂ€hlt Mbvoumin. "Weil der Spielerhandel mit den Burschen aus Afrika das Fußballmonster stets mit neuer Nahrung versorgt, musste die Show ganz einfach weitergehen." Die FIFA konnte vor diesen Entwicklungen die Augen nicht verschließen, hat jedoch erst Jahre spĂ€ter konkrete Maßnahmen ergriffen, um die AuswĂŒchse einzudĂ€mmen. Seit 1. Oktober 2010 verpflichtet ein neues "Transferabgleichungssystem" die beteiligten Klubs, umfangreiche Informationen in eine Datenbank einzugeben. Dazu zĂ€hlen detaillierte Angaben zu den Spielern, Zahlungen bei Vereinswechseln sind durch Kopien von Personalausweis sowie von Arbeits- und Transfervertrag zu belegen. Fehlen diese Nachweise, kann der Transfer blockiert und der internationale Freigabeschein verweigert werden. FĂŒr die jungen Fußballer bedeutet das neue System, dass sie nicht von einem Verein zum nĂ€chsten wechseln können, ohne nachvollziehbare Spuren zu hinterlassen. Außerdem setzt ein Transfer fortan das Erreichen der VolljĂ€hrigkeit oder die Einwilligung der Eltern voraus. Und auch die jeweiligen NationalverbĂ€nde haben ihre Zustimmung zu erteilen.

Dass die FIFA dem Schutz der MinderjĂ€hrigen ĂŒberhaupt Aufmerksamkeit schenkt, ist fĂŒr Jean Claude Mbvoumin das Ergebnis jahrelanger Überzeugungsarbeit. Dutzende Empfehlungen, Petitionen und schriftliche Warnrufe waren zuvor in den Schubladen verschwunden. Die Reglements blieben ĂŒber viele Jahre zahnlos. Mit seiner Vereinigung musste der ehemalige Internationale umso mehr an der Basis ansetzen, um in Politik und Verbandswesen den notwendigen Druck fĂŒr VerĂ€nderungen zu erzeugen.

"Mit dieser HartnĂ€ckigkeit ist Foot Solidaire nicht immer nur auf Sympathien gestoßen", erklĂ€rt Mbvoumin. "Dennoch haben wir uns die Probleme vor allem auch im Inneren sehr genau angesehen." Die in der Organisation aktiven Journalisten, Trainer und PĂ€dagogen hĂ€tten demzufolge zur Kenntnis nehmen mĂŒssen, dass sich die Grundhaltung im afrikanischen Fußball zunehmend verschlechtert. Am schlimmsten sei, dass vor allem die Jungen ihr Land immer frĂŒher verlassen wollen und dabei nur an das Geldverdienen denken. "Heute haben wir etwa in Kamerun, aber auch in vielen anderen LĂ€ndern, keine profunde fußballerische Ausbildung. Ich bezeichne den Nachwuchs daher auch gerne als 'Fastfood', weil er zwar spielerische Begabung aufweist, aber dann im Fernsehen irgendwelche Bilder vorgefĂŒhrt bekommt, die SehnsĂŒchte erwecken, fĂŒr deren Verwirklichung es keine Grundlagen gibt", sagt Mbvoumin. Der allgemeine RĂŒckschritt sei aber auch gefĂ€hrlich, weil der Fußball in vielen afrikanischen LĂ€ndern zu einer Angelegenheit der Eliten zu werden drohe. In ein Auswahlteam komme demzufolge nur, wer ĂŒber Geld verfĂŒge, so der Foot-Solidaire-Chef. Zugleich benötigen die Vereine zur weiteren Professionalisierung finanzielle Mittel, wofĂŒr jedoch kein konsequentes Regelwerk vorgesehen ist. Und schließlich kippen alle Beteiligten immer stĂ€rker in ein System aus Korruption und GĂŒnstlingswirtschaft, das wiederum Profifußballern nach Beendigung ihrer Karriere erst recht oft nur die Perspektive bietet, eine eigene Akademie zu grĂŒnden oder zu versuchen, als nichtoffizielle Spielervermittler das Auslangen zu finden.

Mauern der Beschwichtigung

Mit seinem Engagement bei Foot Solidaire ist Jean Claude Mbvoumin im öffentlichen GesprĂ€ch – und das nicht immer nur mit Wohlgefallen. Das in Frankreich viel diskutierte  Buch "NĂ©griers du Foot" ("SklavenhĂ€ndler des Fußballs") der frĂŒheren Leichtathletin Maryse Ewanje-Epee widmet sich ĂŒber weite Strecken seiner Arbeit und lĂ€sst dabei aber auch die Kritik durchklingen, dass das langjĂ€hrige AushĂ€ngeschild der Organisation unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig mehr Zeit mit Interviews, Konferenzen und dem HĂ€ndeschĂŒtteln von politischen Persönlichkeiten verbringe als im unmittelbaren Einsatz fĂŒr die Betroffenen. Mbvoumin hĂ€lt dem entgegen, dass er die Mauer der  Beschwichtigungsversuche nur durch unermĂŒdliche Lobbying- und Medienarbeit durchbrechen konnte. Anders sei es nicht möglich gewesen, im öffentlichen Bewusstsein das Bild eines modernen und ausbeuterischen Sklavenmarkts zu verankern, der das profittrĂ€chtige Medienspektakel des internationalen Fußballs mit immer neuem Schmierstoff versorgt.

Eine Chance zur Durchsetzung von ethischen Prinzipien sieht Jean Claude Mbvoumin in der gegenwĂ€rtigen ökonomischen Krise. Die Menschen seien angewidert von den Exzessen des Kapitalismus, das könnte auch der Anstoß sein, ĂŒber die Produktionsbedingungen im Fußball nachzudenken. Mit dieser Hoffnung verbindet sich zugleich die oberste PrĂ€misse, dass der jugendliche Traum vom Fußball unbedingt zu schĂŒtzen ist. Das Festhalten an diesem Traum hat auch Maxime den Verbleib in der urbanen AnonymitĂ€t von Paris ertrĂ€glicher gemacht. Er ist regelmĂ€ĂŸig im BĂŒro von Foot Solidaire zu Gast und schwĂ€rmt dabei von einem Engagement bei der AS Roma.

 

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