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Das Ohr an den Glasfasern der Geschichte ...

Zur Konfliktanordnung des digitalen Vaterlandsverrats

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Brigitte Lehmann, Doron Rabinovici, Sibylle Summer (Hrsg.), Von der Kunst der Nestbeschmutzung. Dokumente gegen Ressentiment und Rassismus seit 1986, Löcker Verlag (2009)

Die Transportwege der Informationen bestehen nicht mehr aus hochwertigem Stahl, der die Infrastruktur-Metaphorik der Moderne √ľber viele Generationen pr√§gte, sondern materialisieren sich in mittlerweile un√ľberschaubaren Geflechten von Glasfaserkabeln und Netzknoten, die √úbertragungen in einer bislang nicht gekannten Geschwindigkeit erm√∂glichen. Doch geht mit den technischen Errungenschaften alleine noch keine Demokratisierung oder gar die Eind√§mmung von Diskriminierung und Machtmissbrauch einher.
Von der Kunst der Nestbeschmutzung (zum Vergrößern auf das Bild klicken) Von der Kunst der Nestbeschmutzung (zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Screenshot 1: Im Sp√§therbst 2007 warb eine italienische Textilhandelskette auf ihrer .at-Website f√ľr die Kollektion des nahenden Winters. M√§nnliche Models posierten auf kunstvoll gefertigten Fotos, deren √Ąsthetik in erster Linie durch die raffinierten Details der f√ľr die Aufnahmen gew√§hlten Umrahmung zur Entfaltung kommen sollte. Es war ein durchaus kundiges Auge erforderlich, um der Collage zu entnehmen, dass es sich im Hintergrund um Rachel Whitereads Mahnmal handelte. Unversehens mutierte das Monument am Wiener Judenplatz zur digitalen Matrize einer globalen Marketingoffensive, die sich nicht dem Erinnern an das Grauen der NS-T√∂tungsmaschinerie verpflichtet f√ľhlt. Die Visualisierung des Unaussprechlichen wurde mit wenigen Kunstgriffen des Grafikdesigns zum Opfer der Gier nach Umsatzsteigerung.

Screenshot 2: DJ Tomekk, ein Rapper, der sich aus einer Berliner Plattenbausiedlung in die vordere Liga der internationalen HipHop-Szenen empor gearbeitet hatte, z√§hlte Anfang des Jahres 2008 zu jenem Kreis der schon etwas ramponierten Prominenten, die als Beteiligte am "Dschungelcamp" dem K√∂lner Privatsender RTL zu Gewinn bringenden Einschaltquoten verhelfen sollten. Was als Adventure-Klamauk konzipiert ist, kann aber auch sehr schnell zu nicht mehr steuerbarer Enthemmung f√ľhren. In Windeseile wurde wenige Stunden vor √úbertragungsbeginn ein verwackeltes Video auf den verschiedensten Internet-Plattformen herum gereicht, das den international bekannten Musiker mit dem zum Hitlergru√ü erhobenen rechten Arm und beim Absingen der Nazi-Hymne "Deutschland, Deutschland √ľber alles!" zeigte. Das Barometer der Marktanteile schlug dann tats√§chlich kr√§ftig aus. Allerdings f√ľr das Online-Portal der deutschen Bild-Zeitung, die des Rappers uns√§gliche Entgleisung in rasantem Tempo an die √Ėffentlichkeit bef√∂rderte und damit wohl auch mit hoch dotierten Zuwendungen der Werbewirtschaft rechnen durfte.

Die ausgew√§hlten Bildschnipsel erz√§hlen nicht vom ganzen Umfang des Sachverhalts. Das Urwald-Abenteuer ging n√§mlich f√ľr Tomekk bereits zu Ende, noch bevor er sich mit der Machete im Kampf gegen Naturgewalten als TV-Entertainer beweisen konnte. Der Quoten-Tanker RTL geriet angesichts der Protestwelle so sehr ins Wanken, dass nur durch den Rauswurf ein noch gr√∂√üerer Schaden abzuwenden war. Und auch die italienische Modemarke beugte sich den Widerst√§nden. Schon wenige Tage nach Ver√∂ffentlichung ersetzte das Unternehmen die Online-Fotos kommentarlos durch andere Sujets. Zu gro√ü war die Anzahl der vor allem per e-Mail eingelangten Reaktionen, das lie√ü dann auch die aufs Image bedachte Gesch√§ftsleitung nicht mehr kalt.

Screenshot 1 und 2 m√ľssen jedenfalls als Hinweise auf die Realit√§ten der gegenw√§rtigen Medien- und Warenwelt betrachtet werden, die nur durch ein Verst√§ndnis der neuen und mehrdimensionalen Gef√ľge von Bezeichnen und Interpretieren zu erfassen sind. Vor allem haben die fundamentalen Ver√§nderungen der digitalen Kommunikation eine, wie es der US-amerikanische Kulturkritiker Timothy Druckrey bereits vor mehr als einem Jahrzehnt in seinen kritischen Betrachtungen zu den neuen Informations√∂konomien und zur Bewusstseins-Industrie formulierte, "intelligente Umgebung mit mehreren Schnittstellen" geschaffen, die "die Beziehungen zwischen Sprache, Ged√§chtnis, K√∂rper, √Ąsthetik, Politik und Kommunikation neu definieren". Die Auseinandersetzung mit Macht und Machtverh√§ltnissen, sei es in Gestalt der politischen Aus√ľbung von Regierungsherrschaft, als √∂konomische Monopolstellung, oder aber auch als Ausdruck einer hegemonialen Deutungshoheit √ľber historische Ereignisse und Entwicklungen, kann sich den Zeichen- und Ordnungssystemen des digitalen Zeitalters nicht verschlie√üen. Wer also die Intervention sucht, um mit politischen Statements und aktivistischen Man√∂vern gegen die Macht von Staat, Parteien, Wirtschaft und Medien anzutreten, ist gut beraten, daf√ľr zeitgem√§√üe Instrumentarien zur Anwendung zu bringen. Die √úberlegung, den Bausatz eines h√∂lzernes Pferdes aus dem Keller hervor zu holen, von Staub und Spinnweben zu befreien und damit auf stark frequentierten Pl√§tzen der Stadt gr√∂√ütm√∂gliches Aufsehen zu erregen, mag vielleicht so viele Jahre nach der Causa Waldheim nostalgische Erinnerungen an die Auflehnung gegen den Ged√§chtnisschwund eines ganzen Landes neu beleben – im Hinblick auf taktische Zielgenauigkeit greift sie allemal zu kurz. Die neuralgischen Zonen der politischen √Ėffentlichkeiten liegen heute in vernetzten Telekommunikationssystemen, die zwar eine noch nicht da gewesene technische Komplexit√§t aufweisen, aber erst durch ihre Nutzung konkrete Form und Bedeutung erlangen. Die zunehmende Vermarktung der Netzstrukturen, die Einschr√§nkung der Bewegungsfreiheit in der Infosph√§re sowie der Ausbau von √úberwachungs- und Kontrollma√ünahmen im Internet haben der Utopie einer digitalen √úberwindung der herrschenden Verh√§ltnisse schwere Niederlagen zugef√ľgt. Dissens und gesellschaftlicher Widerstand stehen somit umso mehr vor der Herausforderung, durch eine kluge Implementierung des politischen Potentials der neuen Medien zu eigener Wirkungsmacht zu finden. Die folgenden zwei Projektbeispiele haben sich an diesem Ziel versucht.

Im Mai 2005 grasten in einer etwas entlegenen Ecke der Belvedere-G√§rten in Wien zwei Handvoll K√ľhe. Das Projekt 25 Peaces, ein kulturelles Begleitprogramm zu den Jubil√§umsfeierlichkeiten der rechtskonservativen Bundesregierung im Staatsvertrags-Gedenkjahr, schuf auf diese Weise einen kleinfl√§chigen Erlebnispark zur Erinnerung an die sowjetische Besatzungsmacht, die in den Jahren von 1945 bis 1955 mit landwirtschaftlichen Ma√ünahmen in der Innenstadt die Versorgung der Bev√∂lkerung sicher stellen wollte. Die nur f√ľr wenige Tage angelegte Aktion w√§re weitgehend unbemerkt geblieben, h√§tte sich nicht die Nachricht wie ein mediales Lauffeuer verbreitet, dass eine der K√ľhe – und zwar jene des Namens "Rosa" – schon in der ersten Nacht gewaltsam entwendet worden war.

Das bislang v√∂llig unbekannte Kommando Freiheit 45, eine militante Gruppe unter der zus√§tzlichen Kennung "Zellen K√§mpfender Widerstand", √ľbernahm in geheimnisvollen Videobotschaften und Kommuniqu√©s die Verantwortung daf√ľr und – stellte Forderungen. Das Leben der Geisel sei in Gefahr, sollten sich √ĖVP-Bundeskanzler Wolfgang Sch√ľssel und ORF-Generalintendantin Monika Lindner weigern, am symboltr√§chtigen 15. Mai, der historischen Marke der Staatsvertragsunterzeichnung, in der Hauptnachrichtensendung des √∂ffentlich-rechtlichen Fernsehens eine Erkl√§rung zu verlesen, die vor dem Millionenpublikum die "historische L√ľge" und "nationale Verhetzung", den fortan blo√ügestellten Zweckbestimmungen des so genannten "Gedankenjahrs", mit allem gebotenen Nachdruck eingesteht. Doch damit nicht genug: √Ėsterreich m√ľsse zudem endlich der Bedeutung der Partisaninnen und Partisanen bei der Befreiung von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft Rechnung tragen. Eine diesbez√ľgliche Gedenkst√§tte sei daf√ľr ebenso ein erster und l√§ngst √ľberf√§lliger Schritt, wie auch die Zahlung von Anerkennungsgeldern in der H√∂he von zehn Millionen Euro an die bis in die Gegenwart geschm√§hten Deserteure der ehemaligen Deutschen Wehrmacht.

Die Polit-Guerilleros legten die Entscheidung √ľber Wohl und Wehe der Kuh "Rosa" unerschrocken in die Hand der staatlichen Autorit√§ten. Eine breite Anteilnahme lie√ü nicht lange auf sich warten. Daf√ľr sorgten die wie ein Trommelfeuer angelegte Medienpr√§senz sowie vor allem eine martialische Bild- und Textinszenierung, f√ľr die auch so mancher Tageszeitung Platz zur Ver√∂ffentlichung abgerungen werden konnte. Kurzum: √Ėsterreich zitterte mit dem Schicksal der politischen Gefangenen. Doch es kam, wie es kommen musste. Schon am Tag nach den Staatsvertragsfeiern wurden alle Hoffnungen entt√§uscht. Die Bundesregierung verweigerte jede Stellungnahme sowie auch die geforderten Entsch√§digungsleistungen. 1,5 Kilogramm Plastiksprengstoff, so konnte man sich anhand eines zum Nachweis der rigorosen Entschlossenheit √ľberbrachten Videoclips √ľberzeugen, setzten der Kuh "Rosa", f√ľr deren Unversehrtheit zuvor sogar eine namhafte Tierschutzorganisation den diskreten Kontakt zu den stets vermummten Widerstandszellen gesucht hatte, ein j√§hes Ende.

Die realen Hintergr√ľnde blieben nicht lange im Verborgenen. Schnell wurde klar, dass die eigentliche Urheberschaft in den Kommandozentralen der Wiener Medienkultur-Institution Public Netbase zu ermitteln ist. Hier war nach Wochen langer Vorbereitung ein virtuelles Drama geschaffen worden, das die offizielle Geschichtsdarstellung des nationalen Jubeljahres mit einer widerst√§ndigen Ikonografie konfrontierte. Der Kuh wurde kein Haar gekr√ľmmt, im Gegenteil, sie hat niemals existiert. Einer der zentralen Ansatzpunkte des nunmehr als Fake enttarnten Medien- und Kommunikationsprojekts war es, g√§ngige und weitgehend unreflektierte Bildwelten aufzubrechen und durch Dissonanz zu dekonstruieren. Die damit in Gang gesetzte Dynamik hielt selbst f√ľr die Projektverantwortlichen √úberraschungen bereit. So nahmen etwa die Bekennerbriefe des "Kommando Freiheit 45" pl√∂tzlich eigenst√§ndig ihre Wege und vervielf√§ltigten sich in Weblogs, TV-Berichten und Printmedien zu einer, wie es die Erl√§uterung zum Projekt-Archiv bezeichnet, "hermeneutischen Polyphonie" von Sympathiebekundungen, Nachahmung und Gegnerschaft. Davon erhalten geblieben ist eine  umfangreiche Dokumentation, die den Bestand des "virtuellen Stra√üentheaters" nachhaltig gew√§hrleistet – und damit auch eine √∂ffentlich verf√ľgbare Erinnerung an ein urbanes "Entf√ľhrungsdrama mit der subversiven Energie des Absurden als Gegeninszenierung √∂ffentlichen Widerspruchs".

Die Plattform Public Netbase ist bis zu ihrer – von der Wiener Kulturpolitik durch Finanzierungsentzug erzwungenen – Schlie√üung im Jahr 2006 immer wieder mit Projekten und Unternehmungen in Erscheinung getreten, die irritierende und mitunter verst√∂rende Interventionen in Kommunikationsprozessen zum Inhalt hatten. Doch diese international viel beachtete Praxis in Kunst und Medien beschr√§nkte sich keineswegs auf den st√§dtischen Raum als Austragungsort gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen. Als etwa das Unterrichtsministerium unter √ĖVP-F√ľhrung Anfang 2005 ein √Ėsterreich-Quiz im Internet pr√§sentierte, das in erster Linie darauf abzielte, Sch√ľlerinnen und Sch√ľlern auf spielerische Weise historische Ereignisse und die politischen Zusammenh√§nge zu vermitteln, durfte die offizielle Regierungslinie, √Ėsterreichs soziale und kulturelle Entwicklung nach 1945 als Erfolgsgeschichte der rot-wei√ü-roten Eintracht darzustellen, nicht unwidersprochen bleiben. Schon kurz darauf hielt ein unabh√§ngiges √Ėsterreich-Quiz dagegen, das bereits im Titel das Konfliktpotential einer konfrontativen Auseinandersetzung mit Identit√§tspolitiken und einer Erinnerungskultur unter nationalistischen Vorzeichen zum Ausdruck brachte. "Patriotismus oder Vaterlandsverrat. Wo stehen Sie in √Ėsterreich?" setzte auf die enge und schon oft erfolgreich erprobte Verbindung des spielerischen Charakters solcher Tools mit sachlicher Information, die zuvor im Kreise politik- und geschichtswissenschaftlicher Expertinnen und Experten redaktionell aufbereitet worden war. Dabei standen insbesondere Themen und Diskurse im Vordergrund, die im von zahlreichen staatlichen Institutionen und Bildungseinrichtungen getragenen "Gedankenjahr" nicht zur Sprache kommen sollten. Im folgenden eine Auswahl aus den insgesamt 22 Fragen:

"1995 wurden in Oberwart vier Roma Opfer eines rassistischen Mordanschlags: Wie wichtig ist es, im Rahmen des Jubil√§umsjahres 2005 daran zu erinnern?", "Mitglieder der √∂sterreichischen Bundesregierung singen und spielen in volkst√ľmlichen Kost√ľmen gerne das Lied 'Hoch auf dem Gelben Wagen'. Wie sehr k√∂nnen Sie sich mit Brauchtumspflege und Neo-Folklorismus identifizieren?", "W√§hrend Engelbert Dollfu√ü (Bundeskanzler 1932-1934) von vielen als patriotischer M√§rtyrer gefeiert wird, sehen andere in ihm einen Feind der Demokratie, der mit der Ausschaltung des Parlaments eine faschistische Diktatur errichtet hat. Soll sein Andenken in Ehren gehalten werden?", "Das Bild der 'Vier im Jeep' ist in allen Schulb√ľchern zu sehen: Wie wichtig ist der Anteil von Partisaninnen und Partisanen an der Befreiung √Ėsterreichs?", "1950 wurde Bertolt Brecht in √Ėsterreich eingeb√ľrgert. Als 'Schmutz- und Schund-Autor' stie√ü er auf gro√üe Ablehnung und auf einen breiten Boykott der Medien und Theater. Halten Sie das f√ľr gerechtfertigt?", "Das √∂ffentlich-rechtliche Fernsehen r√ľckt immer weiter von seinem auf Vielfalt und Weltoffenheit bedachten Kultur- und Bildungsauftrag ab. Sind Sie der Meinung, dass der ORF noch st√§rker zur Verbreitung von Alpenromantik und Heimatgef√ľhl beitragen soll?" sowie auch "In √Ėsterreich leben immer mehr alte und immer weniger junge Menschen. Halten Sie es f√ľr eine nationale Verpflichtung, Kinder zu bekommen?"

Das omin√∂se Jahr 2005 war eines Tages zu Ende, w√§hrend das alternative √Ėsterreich-Quiz √ľber die Abschlussveranstaltungen hinaus noch weiter zur Verf√ľgung steht. Damit weist auch das Ergebnis noch immer die jeweilige Zuordnung auf eine typologischen Skala aus, der wiederum spezifische Eigenschaften und Verhaltensmuster zugewiesen werden: Vaterlandsverr√§ter (sagt zur Marmelade Konfit√ľre; versteigert Staatsb√ľrgerschaft gegen billiges Geld bei eBay; ...), Nestbeschmutzer (hat die Redaktion der New York Times im Handy eingespeichert; lernt f√ľr den S√ľdtirolurlaub Italienisch; ...), Vernaderer (zahlt seit Februar 2000 keine Rundfunkgeb√ľhr mehr; bevorzugt Party statt Kinder; ...), Fern der Heimat (f√§hrt in die franz√∂sischen Alpen zum Skifahren; zieht Running Sushi dem Martinigansl vor; ...), Lodenfreak (rechnet alles noch in Schilling; l√§dt sich am Sonntag den Gottesdienst aufs UMTS-Handy; ...), Musikantenstadl (f√§hrt mit dem Traktor zum Blockfl√∂tenkonzert; Bausparvertrag unterm Kopfpolster; ...), Austrokoffer (Schnitzelhaus statt McDonalds; wartet vergeblich im ORF Programm auf die Bundeshymne zu Sendeschluss; ...) und schlie√ülich der Hurra-Patriot (sagt zu Slowenien Untersteiermark; tr√§gt rot-wei√ü-rote Unterw√§sche und sieht im Sch√ľtzenverein den Ausweg aus der Bildungsmisere; ...).

"Leg' dein Ohr auf die Schienen der Geschichte", appellierte die f√ľr ihre politischen Songtexte bekannte HipHop-Formation Freundeskreis zu Beginn der 1990er Jahre, um auch bei den jugendlichen Zielgruppen das Interesse an historischen Verl√§ufen und Kontexten zu wecken, die sich tief in die unmittelbare Alltagswelt mit ihren globalen Ausma√üen eingeschrieben haben. Auch heute noch werden die gesellschaftlichen Strukturen gerade von den Heranwachsenden als Ausdruck einer erdr√ľckenden Obrigkeit empfunden. Doch wo lassen sich f√ľr Zorn, Kritik und Widerspruch Artikulationskan√§le finden? Wie k√∂nnen zeitgem√§√üe R√§ume f√ľr die notwendigen Debatten zu Geschichte und Gegenwart erschlossen werden?

Die Transportwege der Informationen bestehen nicht mehr aus hochwertigem Stahl, der die Infrastruktur-Metaphorik der Moderne √ľber viele Generationen pr√§gte, sondern materialisieren sich in mittlerweile un√ľberschaubaren Geflechten von Glasfaserkabeln und Netzknoten, die √úbertragungen in einer bislang nicht gekannten Geschwindigkeit erm√∂glichen. Doch geht mit den technischen Errungenschaften alleine noch keine Demokratisierung oder gar die Eind√§mmung von Diskriminierung und Machtmissbrauch einher. Diese Skepsis f√ľhrt die autonome a.f.r.i.k.a-Gruppe ganz grunds√§tzlich auch zu der Frage, "inwieweit das Netz ein Ort gesellschaftlichen Widerstands sein kann". Die auf die politische Aktionsform der Kommunikationsguerilla spezialisierten Aktivistinnen und Aktivisten verweisen vielmehr auf die Bedeutung von "Sto√ürichtung und Motivation". Demzufolge ist entscheidend, dass "Wissen und Information erst dann etwas bewirken k√∂nnen, wenn die Informierten eine M√∂glichkeit sehen, ihr Wissen in konkretes soziales und politisches Handeln umzusetzen. Wer √ľber Informationen verf√ľgt, hat noch lange keine effektive Macht". Die notwendigen Schlussfolgerungen im Hinblick auf gesellschaftliche Ver√§nderungen erkl√§rt auch der niederl√§ndischen Netztheoretiker Geert Lovink in seiner mannigfaltigen publizistischen Spurensuche nach einer kritischen Internetkultur zu einem strategischen Postulat: "Wir brauchen eine kritische Netzwerkpsychologie, die nicht in Form brillanter Beobachtungen akademischer Au√üenseiter existiert, sondern als schnelles und pro-aktives Wissen, welches in Gruppen, kleine Organisationen, Listen und Technost√§mme implementiert werden kann." Ziel kann es daher nicht sein, "Konflikte zu verhindern, in denen es um nichts geht", sondern – im Gegenteil – die Inszenierung wirklicher K√§mpfe, "wenn etwas auf dem Spiel steht". F√ľr die Medien selbst stellt Lovink daher klar: "Das Spektakel hat in jeden erdenklichen Bereich Einzug gehalten, und seine weitreichende Macht hat es unm√∂glich gemacht, sich eine Geste, eine Kommunikationsform oder ein Handeln vorzustellen, die nicht √ľbertragen, digitalisiert oder archiviert sind. Alle Formen von Protest und Politik stehen unter seinem Bann."

Wozu dann noch eine mit politischer Leidenschaft gef√ľhrte Diskussion um Geschichte, historische Verantwortung und die davon abgeleiteten Schlussfolgerungen f√ľr Zukunft und Gegenwart? Steht etwas auf dem Spiel, was nicht dem Spektakel geopfert werden darf? Es deutet einiges darauf hin, dass die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Betrachtung der Vergangenheit in zunehmendem Ma√üe der Trivialisierung und Popularisierung von Bildungs- und Wissensinhalten weichen muss. Nicht anders ist zu erkl√§ren, dass selbst eine Ausschreibung des √∂sterreichischen Bundesministeriums f√ľr Unterricht, Kunst und Kultur zu Beginn des Jahres 2008 dazu aufrief, im Rahmen der EU-F√∂rderungsma√ünahme "Aktive europ√§ische Erinnerung" Projekte einzureichen, die sich der "Wahrung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus" verpflichten wollen. Dabei galt das spezielle Augenmerk Beitr√§gen "zur Erhaltung der St√§tten und Mahnmale, die mit Massendeportationen und Massenvernichtungen unter nationalsozialistischer und stalinistischer Herrschaft in Verbindung stehen". Eine derartige Nivellierung der Opfer der ungleichen Unrechtsregime w√§re noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen und h√§tte lautstarke Proteste nach sich gezogen. Es ist durchaus m√∂glich, dass sich hier nun auch an den Schaltzentralen der Bildungspolitik fr√ľhe Vorboten eines fatalen Paradigmenwandels zu erkennen gaben, die wenige Monate sp√§ter im deutschen Bundesland Bayern die Gem√ľter des kritischen Kultur- und Geisteslebens stark erregten. Hier wurde das Kapitel "Nationalsozialismus" im Geschichtsunterricht der Oberstufengymnasien regelrecht entr√ľmpelt, womit es im Lehrplan fortan eine im Stundenumfang geringere Rolle einnimmt als die Vermittlung der Inhalte "Leben in der Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts", "Trinkwasserversorgung und Kanalisation" und "Die Raiffeisenbewegung".

"Es bleibt zu hoffen", schreibt Wulf Kansteiner, Professor f√ľr Neueste Deutsche Geschichte, Mediengeschichte und Geschichtstheorie, unter besonderer Ber√ľcksichtigung der Abbildung und Vermittlung geschichtlicher Inhalte in den Medien, "dass der Abstieg des Fernsehens nicht das Ende der Geschichtsreflexion bedeutet und dass sich zuk√ľnftige Generationen weiterhin intensiv und kritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit besch√§ftigen werden, auch wenn dieser Prozess nicht im Fernsehen, sondern in den interaktiven digitalen Medien der Zukunft stattfinden wird". Somit ist zun√§chst der lange Atem angesagt, denn der digitale Vaterlandsverrat genie√üt nicht den Ruf eines Everybody's Darling. Die √∂ffentliche Meinung manifestiert sich vielfach in politischer Repression, medialer Schelte und Ma√üregelungen durch die Beh√∂rden. Doch die Konfliktanordnung kennt keine Alternativen. Solange Ewiggestrige hohe Positionen der Republik einnehmen, mit rechtsextremem Gedankengut die parlamentarische Demokratie aush√∂hlen und immer unversch√§mter nach Diskurshoheiten greifen, sodass – wie im Falle von Ebensee im Mai 2009 – neuerdings auch das mahnende Gedenken der NS-Opfer zum Aggressionsziel von Neonazis wird, solange erfordern diese Realit√§ten k√ľnstlerischen Ungehorsam, Interventionen und aktivistische Bildst√∂rungen als einen zwingend gebotenen Widerspruch.