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Mister Beau

Die Inszenierung des Eric Cantona zwischen Mythos und Marketing

Von Martin Wassermair. Erschienen in: ballesterer fm, Nr.45, September 2009

Die mediale Wahrnehmung des Sports, das lässt sich inzwischen anhand zahlreicher Beispiele belegen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Auch im Fußball besteht spätestens seit David Beckham kein Zweifel mehr daran, dass das Prinzip der unabhängigen und sachlichen Berichterstattung zunehmend kommerziellen Interessen weichen muss. Das Medienkarussell dreht sich da schon eher um die Ertragsabsichten aus Wirtschaft, Politik und Entertainment-Industrie.
ballesterer, September 2009 ballesterer, September 2009
Psychologies, Juni 2009 Psychologies, Juni 2009

Man stelle sich vor, es g√§be ihn nicht. Die Unterhaltungsindustrie m√ľsste Eric Cantona erfinden. Denn mit der Inszenierung des aufr√ľhrerischen Raubeins l√§sst sich in der Arena der Vermarktung eine Menge Geld verdienen. Davon profitieren neben dem alternden Hauptdarsteller vor allem globale Unternehmen und die Medienwelt.


In Frankreich ist die pers√∂nliche Befindlichkeit ein Thema, das breiten √∂ffentlichen Raum einnimmt. Druckwerke, die im Falle von fr√ľhkindlichen Depressionen, Mobbing am Arbeitsplatz sowie bei Langeweile im ehelichen Liebesleben mit jederzeit gebrauchsfertigen Ratschl√§gen zur Seite stehen, sind an den Kiosken stark nachgefragte Massenware. Die triviale Fachpublizistik dient aber nicht nur als mittlerweile unverzichtbare Anlaufstelle, die mit Lebenshilfe und neuzeitlichen Dramen √ľber eine gro√üe Anziehungskraft verf√ľgt. So mancher Star nutzt Hochglanzmagazine auch zum schillernden Nachweis der psycho-emotionalen Einzigartigkeit.

Wenige Wochen nach Erstauff√ľhrung von Looking for Eric im Rahmen der diesj√§hrigen Filmfestspiele von Cannes trat Eric Cantona auf eine B√ľhne, von deren Reichweite das cineastische Festival nur tr√§umen kann. "Ich will nicht alles analysieren", betitelte die Juni-Ausgabe der popul√§ren Zeitschrift psychologies ein mehrseitiges Interview, das als dialogisches Portr√§t nicht nur aufgrund der Inhalte, sondern auch aus formaler Perspektive beachtenswert ist.

Moderne Imagebildung

"Wie ein Kind", so ist bereits in der redaktionellen Einleitung zu lesen, "versp√ľrt Cantona das gro√üe Vergn√ľgen, sich im Film nun endlich selbst zu spielen." Als unerwartete Erscheinung in der Tristesse "eines depressiven Fans, dem er zu Hilfe eilen kann." Die heilbringende Entsendung aus heiterem Himmel wird hier geradezu paradigmatisch und m√ľndet letztlich in eine Verschmelzung mit dem Medium. Beide verbindet die Neigung zur √úberwindung der Fallstricke des Lebens, f√ľr das, so die gemeinsame Deutung, "der Fu√üball eine Metapher" geworden ist.

√úber all dem ragt ein Eric Cantona, dem es nicht an Selbstbewusstsein mangelt, alle Register der modernen Imagebildung zu bem√ľhen. Unrasiert, mit nacktem Oberk√∂rper, greift er auf den Fotos zum Interview – einem Gru√üe gleich – mit der linken Hand zum Hut. Der Zeigefinger der rechten Hand erhebt sich entlang der Nase in die H√∂he, vermutlich in Anlehnung an James Bond, der vielleicht einpr√§gsamsten Ikone idealisierter M√§nnlichkeit. Von diesem Antlitz begl√ľckt, soll sich das vorwiegend weibliche psychologies-Publikum √ľber die Entbl√∂√üungen eines lustvoll angerichteten "Mister Beau" hermachen. "Ja. Ich bin, wie ich bin", so die knappe Antwort auf die Frage, warum sich "das Bild des rotzigen Jungen" wie ein roter Faden durch die mediale Beobachtung seiner gesamten Laufbahn zieht. Dabei darf auch das Feingef√ľhl nicht verborgen bleiben, etwa durch das Festhalten an Werten wie Familie und Traditionen. Da wird dann der auf der behaarten Brust verewigte Indianerh√§uptling nicht mehr nur zur Schau gestellt. "Schon mein Gro√üvater v√§terlicherseits hatte diese T√§towierung. Meine Br√ľder und ich beschlossen daraufhin, es ihm gleich zu tun. Dem ist dann auch mein Sohn gefolgt. Wir werden das Zeichen von Generation zu Generation weiter geben."

Die mediale Wahrnehmung des Sports, das l√§sst sich inzwischen anhand zahlreicher Beispiele belegen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend ver√§ndert. Auch im Fu√üball besteht sp√§testens seit David Beckham kein Zweifel mehr daran, dass das Prinzip der unabh√§ngigen und sachlichen Berichterstattung zunehmend kommerziellen Interessen weichen muss. Das Medienkarussell dreht sich da schon eher um die Ertragsabsichten aus Wirtschaft, Politik und Entertainment-Industrie. Dabei haben die Ereignisse rund um Superstar Beckham sowie dessen Ehefrau und "Spice Girl" Victoria die heikle Gratwanderung der massenmedialen Inszenierung in ihrer unerbittlichen Tragweite aufgezeigt. Der √∂ffentlich ausgetragene "Becksgate"-Rosenkrieg erinnert als historische Chiffre an die Anf√§nge eines sich schon viel fr√ľher abzeichnenden Trends im Fu√üballjournalismus, dass sich durch das Zuliefern schmutziger und schmieriger Details zur ehelichen Untreue und die Abseitsfalle von Geliebten reichlich Geld verdienen l√§sst.

Profitable Lifestyle-Produktion

Die Wahrheit sah in diesem √ľblen Spiel die Rote Karte. Folgerichtig bezeichnete das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel die neuen Spielregeln der "publizistischen Seifenopern" als "shock and amaze". Wenn Quoten und Auflagezahlen immer mehr die Oberhand gewinnen, steigt – angesichts der Konkurrenz um Aufmerksamkeit – auch der Druck auf das Individuum, sich den √∂konomischen Zw√§ngen von TV-Stationen, Werbewirtschaft und der Boulevardpresse zu unterwerfen.

Eric Cantona, der nicht nur mit seinem Markenzeichen, dem hochgestellten Kragen, stets ein treffsicheres Gef√ľhl f√ľr √∂ffentlichkeitswirksame Distinktion bewies, konnte sich diesem Geflecht ebenfalls nie entziehen. Einen anschaulichen Eindruck, wie das Raubein aus Marseille in der profitablen Lifestyle-Produktion der globalen Unternehmen Platz genommen hat, vermittelte Samo Kobenter in einem seiner Essays zu Fu√üball, Literatur und Politik im R√ľckblick auf die WM 2002: "Heute verkaufen clevere Konzerne wie Nike ihre Schuhe mit Werbespots, die das Spiel im K√§fig beispielsweise im Laderaum eines verrotteten √Ėltankers nachstellen, von dessen Rampe eine Mischung aus Impressario und Zuh√§lter, gegeben von Eric Cantona, den besten Kickern der Welt die Kugel vor die F√ľ√üe wirft und sich an ihren akrobatischen Kunstst√ľcken erg√∂tzt."

"Ich bin kein Mensch, ich bin Cantona" – auch die PR-Parolen zum neuen Film von Ken Loach zeugen nicht von moderater Selbstwahrnehmung. Im Gegenteil. Zw√∂lf Jahre nach seinem R√ľcktritt aus dem aktiven Geschehen blickt das ManU-Denkmal, das nun auf der Leinwand den Schutzengel f√ľr Seelenn√∂te mimt, am liebsten selbst zu jenem Mythos empor, den er sich √ľber Jahre konsequent geschaffen hat. Dieser Mythos, darin ist sich die Fachwelt einig, k√∂nnte ihm ein √úberdauern von Ewigkeiten sichern. Und zwar sowohl in den Herzen der Fans als auch in der Werbung, weil beide Pole sich wechselseitig n√§hren und verst√§rken. Anders als etwa Zinedine Zidane hat Cantona nie aus reinem Pflichtbewusstsein auf die Erf√ľllung von Vertr√§gen Wert gelegt. Bei ihm stand durchwegs die Promotion der eigenen Pers√∂nlichkeit im Vordergrund. Im Ged√§chtnis des englischen Fu√üballs hat er sich jedenfalls f√ľr immer eingeschrieben, weil er mit multiplen F√§higkeiten zu √ľberzeugen wusste. Als Komiker, als Mann mit theatralischem Instinkt, der unter Eigenregie die Selbstinszenierung auf das Spielfeld und dessen Umkreis erstreckte. Damit zog Cantona vor allem die Medien in seinen Bann – und stie√ü sie nicht selten auch vor den Kopf.

Diese aufr√ľhrerische Unberechenbarkeit kennzeichnete nicht zuletzt den denkw√ľrdigen Augenblick jener Pressekonferenz 1995, von der sich alle eine entschuldigende Stellungnahme zum Kung-Fu-Tritt gegen Matthew Simmons erhoffen durften. Doch daraus wurde nichts. "Die M√∂wen folgen dem Fischkutter", so das knappe Statement, "weil sie glauben, dass die Sardinen ins Meer geworfen werden. Herzlichen Dank!" Der Unwillige b√ľrstete kr√§ftig gegen den Strich der Medien, vor allem aber gegen deren Besessenheit, diese Verfehlung im Spiel gegen Crystal Palace unaufh√∂rlich ausschlachten zu m√ľssen. Und mehr noch: Cantona, der 1996 von Gro√übritanniens Sportjournalismus zum Spieler des Jahres gew√§hlt werden sollte, hatte wieder einmal den Nachweis erbracht, dass sich unterschiedliche Pers√∂nlichkeitsmerkmale, etwa jenes des arroganten Einzelk√§mpfers, aber auch die literarische Schlagfertigkeit, bei ihm zu einem Gipfelsturm vereinen k√∂nnen.

Gott in der Mitte des Spielfelds

Das wissen auch die internationalen Konzerne mehr als nur zu sch√§tzen. Ob in den surrealen Techno-Clips von Nike oder beim fast besinnlich in Szene gesetzten Zwiegespr√§ch mit dem neuen Mittelklassewagen von Renault, der ehemalige Fu√üballer verwirklicht alle Aspekte, die im Pflichtenheft zur erfolgreichen Markenbildung eingetragen sind: M√§nnlichkeit, Selbstsicherheit, Arroganz und die richtige Portion Selbstironie. "Er tritt", vermerkt ein kritischer Kommentar in den nicht enden wollenden Diskussionen um die Bedeutung Cantonas, "als Gott in die Mitte des Spielfelds, so als w√§re er durch seine Spitzenleistung unersch√ľtterlich. Dann aber kehrt er um, bl√§st sich zur vollen Gr√∂√üe auf und unterstreicht dadurch seinen wahren Triumph." Beherrschung der Images, Dauerhaftigkeit des Produkts – diese Formel war bisher jedenfalls Goldes wert. Fraglich bleibt, ob sie sich auch auf andere Biografien √ľbertragen l√§sst. Cristiano Ronaldo, Cantonas Erbe im Trikot mit der Nummer 7, wurde von Manchester United um unglaubliche 94 Millionen Euro an Real Madrid verkauft. Es ist schon jetzt f√ľr ihn nur schwer m√∂glich, im Verwertungshochofen aus Boulevard und Merchandising die pers√∂nliche Autonomie zu wahren.

Wie aber wird es mit Eric Cantona weiter gehen? Tr√§umt er, will psychologies zum Abschluss des Interviews genauer wissen, nicht oft davon, "ein bisschen mehr Zen" zu sein, also √ľber den Dingen zu stehen? "Das ist mein ultimatives Ziel", so die lapidare Antwort. "Ich bin davon √ľberzeugt, dass es im Zustand des Zens sehr viel zirkulierende Energien gibt. Noch habe ich keine Zeit daf√ľr gefunden, weil ich im Augenblick vom System aufgefressen bin. Aber ich werde siegen!"

Damit ist auch schon die n√§chste Runde eingel√§utet. Dass die innere Balance noch nicht den ersehnten Vorrang hat, daf√ľr sorgte zur Premierenfeier in Cannes die √∂ffentliche Inszenierung der Schwangerschaft seiner Frau, der Schauspielerin Rachida Brakni. Schon jetzt ist absehbar, dass die Geburt des Kindes den dramaturgischen Anweisungen des alternden Stars auf den vielen B√ľhnen folgen wird. Denn wohin sein pers√∂nlicher Weg auch f√ľhrt, ob zum Sieg oder zur Niederlage, die Marke Eric Cantona wird sich im System auch in Zukunft gewinnbringend zu vermarkten wissen.


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